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BRIC - BioResorbable Implants for Children

Pionierin der Unfallchirurgie

Oberärztin Priv.Doz.in Dr.in Annelie Weinberg hat sich als eine der ersten Frauen einen Platz in der männerbesetzten Unfallchirurgie erobert. Hier forscht sie an besseren Operationstechniken und Implantaten für Kinder und engagiert sich für die Würde junger PatientInnen im Spital.


"Die Chirurgie ist ein Handwerk, ähnlich der Bildhauerei", sagt Annelie Weinberg. Plastische Vorstellungskraft sind vonnöten, Tastgefühl und ein Sinn für Ästhetik. Mitunter auch viel Körperkraft, hier kann Annelie Weinberg auf die Hilfe männlicher Kollegen zählen. Frauen in der Unfallchirurgie sind nach wie vor eine Ausnahmeerscheinung: Im gesamten deutschsprachigen Raum ist es gerade einer Hand voll hoch qualifizierter Expertinnen gelungen, in diese prestigeträchtige Männerdomäne vorzudringen. Weinberg ist somit gleich mehrfache Pionierin: nicht nur als erste habilitierte Unfallchirurgin in Deutschland, sondern auch als bisher einzige Frau, die richtungweisende unfallchirurgische Lehrbücher verfasst hat. Ebenso ist sie bei Kongressen meist die einzige weibliche Vortragende. Eine Exponiertheit mit Vor- und Nachteilen: "Ich werde entweder verehrt oder angefeindet."

Als Außenseiterin zum Erfolg

Die Hochleistungsmedizinerin, die stets unverblümt ausspricht, was sie denkt, ist in Konstanz am Bodensee aufgewachsen und studierte in Italien, Köln und Hannover. Beruflich hat Annelie Weinberg stets in Extremen gelebt. Einerseits erfuhr sie außergewöhnliche Unterstützung: "Etwa von meinem Professor in Hannover, bei dem ich mich als erste Frau habilitierte." Doch es gab auch unangenehme Erfahrungen. Annelie Weinberg berichtet von Verleumdungen und Intrigen, denen sie in besonderem Maße ausgesetzt war: "Als einzige Frau auf weiter Flur werde ich unweigerlich zur Projektionsfläche für männliche Wünsche und Aggressionen", kommentiert sie nüchtern. Aber auch für ältere PatientInnen war ihre Position gewöhnungsbedürftig. "In der Ausbildungszeit wurde ich gefragt: Wann kommt eigentlich der Arzt? Morgen, hab ich ohne Zögern geantwortet. Durch so was hab ich mich nie verunsichern lassen." Annelie Weinberg eignete sich eine "dicke Haut" an und verstand es, Chancen zu erkennen und im richtigen Moment zu ergreifen. "Ich spezialisierte mich auf das unpopuläre Außenseiterfach Kindertraumatologie, das hat mir kein Mann streitig gemacht", resümiert sie ihre Taktik.

Vaterkarenz in den 90ern

Sogar als Annelie Weinberg ein Kind bekam und in Karenz ging, blieb sie medizinisch aktiv und baute ein an die Klinik angeschlossenes Rehabilitationszentrum auf, um die stationären Liegezeiten für Kinder zu verkürzen. Sie verdiente sehr gut, zog jedoch nach der Babypause die kreativere Chirurginnen-Tätigkeit vor. Am meisten geholfen bei der Bewältigung des Alltags habe ihr "der starke Mann an meiner Seite": Annelie Weinbergs Partner, ein Diplomingenieur in Führungsposition, übernahm Verantwortung für die Kindererziehung und ging selbst für eineinhalb Jahre in fünfzigprozentige Karenz. Anfang der 90er Jahre war das noch völlig ungewöhnlich, trotzdem stieß er an seinem Arbeitsplatz auf allgemeine Zustimmung. Später folgte er seiner Frau nach Österreich. Seit er in seiner deutschen Firma zum Geschäftsführer befördert wurde, führen sie "eine fliegende Ehe".

Kinder als ideale Patienten

An der Grazer Universitätsklinik widmet sich Annelie Weinberg neben dem Operationsalltag der Grundlagenforschung in den Bereichen experimentelle Biomechanik, Molekularbiologie der kindlichen Frakturheilung sowie dem Forschungsschwerpunkt "resorbierbare Implantate", auf den sie sich nun in ihrem Laura-Bassi-Zentrum ganz konzentrieren wird. Kinder sind ihre TraumpatientInnen: "Sie sind ehrlich, hören auf ihren Körper und sind immer schön anzusehen. Es gibt kein unästhetisches Kind." Im Laufe der Jahre hat sich Annelie Weinberg Grundregeln der Kommunikation mit Kindern angeeignet. Wichtig sei es, in Bildern zu sprechen und stets um Erlaubnis zu fragen, bevor man ein Kind berühre. Ehrlichkeit sei Voraussetzung, denn Kinder verlieren rasch das Vertrauen: "Wenn eine Behandlung weh tut, muss man das vorher klar aussprechen." Annelie Weinberg hat viel erreicht, gemessen an den schwierigen Umständen, unter denen ihre Karriere bisher verlaufen ist. Ihre Erfolgsstrategie in einem von Männern beherrschten Fach: "Weitermachen und Kompetenz unter Beweis stellen, irgendwann wird Ausdauer belohnt. Wenn man exzellente Forschung betreibt, die ehrlich und ethisch ist, kommt man am weitesten. Aber ich fürchte, es wird noch ein Jahrzehnt dauern, bis sich die männlich geprägte Medizinwelt daran gewöhnt hat, dass eine Frau die Führungsposition übernimmt."

Portrait: Teresa Arrieta