
DiaLife - Diamond and Carbon Materials in Life Science
Diamantenalchemie mit High-Tech
Dr.in Doris Steinmüller-Nethl verwandelt mittels patentiertem Verfahren Erdgas in Diamanten, ist Grundlagenforscherin sowie Unternehmerin und hält soziale Werte für wichtiger als kurzfristige Gewinnmaximierung
Physik ist für die Firmenleiterin Doris Steinmüller-Nethl ein Schlüssel zum Verständnis der Welt: Wieso ist der Himmel blau? Warum wärmen Sonnenstrahlen? Warum sieht der Mond manchmal so groß aus? Antworten auf diese Geheimnisse des Lebens bietet die Physik, das begriff sie bereits als Kind. Aufgewachsen ist sie in Deutschland, gemeinsam mit ihrem Vater löste sie mathematische Knobelaufgaben, der schulische Physikunterricht begeisterte sie für das, was die Welt im Innersten zusammenhält. Nach der Matura zog sie gemeinsam mit ihrem späteren Mann, einem Österreicher, nach Innsbruck, um Theoretische und Experimentelle Physik zu studieren. Als eine der wenigen Frauen in Studium fühlte Doris Steinmüller-Nethl sich zwar exponiert, aber: "Ich bin sehr zielorientiert, mir war völlig klar, dass ich das durchziehen werde." Ihr Ehepartner entstammt einer Unternehmerfamilie. Gemeinsam machten sie sich nach dem Universitätsabschluss selbstständig und forschten vorerst zu Hause im Kellerlabor: Nach zweijährigem Experimentieren entwickelte das Wissenschafts-Duo ein neues Verfahren, um aus Kohlenstoff Diamantenmoleküle zu erzeugen, mit Methan und Wasserstoff als Reaktionsgasen.
Diamantkristalle aus Gas herstellen
Diamanten sind ja nichts anderes als extrem verdichteter Kohlenstoff. Mithilfe der Reaktionsgase werden im thermischen Verfahren unerwünschte Kohlenstoffarten (Grafit, Polymere etc.) weggeätzt. Übrig bleiben winzige Diamantenteilchen in nanokristalliner Dimension. „Mit der von uns entwickelten Technik sind wir in der Lage, extrem reine und harte Diamantschichten ohne Verunreinigungen herzustellen“, erklärt Doris Steinmüller-Nethl das geheime, patentierte Verfahren. Auf Basis dieser innovativen Plattform-Technologie gründete das Physiker-Ehepaar 1996 das Tiroler Unternehmen rho-BeSt coating und produziert nun hoch qualitative Diamantbeschichtungen für industrielle Zwecke. Das Verfahren dient der Beschichtung von Werkzeugen und medizinischen Implantaten ebenso wie der Herstellung von biologischen Sensoren. Letztere können etwa dazu beitragen, Krankheiten wie Krebs oder bakterielle Infektionen früher zu erkennen, da die hoch sensiblen Diamantschichten auch kleinste Erreger im Blut, Urin oder anderen Körperflüssigkeiten aufspüren. Die dunkle, glatte und spiegelnde Edelstein-Oberfläche wird jedoch auch in der Luxusindustrie für Schmuck und Uhren eingesetzt.
Arbeitsplätze schaffen, statt Gewinne zu maximieren
Doris Steinmüller-Nethl führt durch die Produktionsanlage: Im Hochdruckofen glüht der Werkstoff, unter dem Mikroskop wird die Qualität einzelner Beschichtungen manuell überprüft. Viele der Spezialistinnen an den technischen Geräten sind Wiedereinsteigerinnen. Doris Steinmüller-Nethl erkannte das Potenzial dieser hoch motivierten Jobsuchenden, die ihr vom Tiroler Arbeitsmarktservice geschickt wurden und hat ihre Entscheidung, weniger Erfahrenen eine Chance zu geben, nie bereut: "Die Loyalität ist extrem hoch", sagt sie und betont, dass Rationalisierung und Gewinnmaximierung nicht zu ihren primären Zielen zählen. Mit ihrer dreifachen Rolle als Grundlagenforscherin, Unternehmensleiterin sowie Familien-Managerin kommt die Mutter dreier Kinder gut zurecht: "Ich hab als Wissenschaftlerin gelernt, ein Unternehmen zu führen, habe zahlreiche Zusatzausbildungen gemacht und bin in jeder Hinsicht gewappnet."
Wissensbilanz als Kapital
Die Kinder nahm Doris Steinmüller-Nethl schon im Babyalter zu Meetings einfach mit und gab sie dann früh in die Krippe. "Andere Frauen haben mir gesagt, ich sei eine Rabenmutter – doch ich war und bin immer für meine Kinder da, wenn sie mich brauchen. Sie sind heute sehr selbstständig und selbstbewusst." In der Zwischenzeit lässt sich die Multi-Task Forscherin kein schlechtes Gewissen mehr einreden und hat sich sogar eine nachmittägliche Hortbetreuung gemeinsam mit anderen berufstätigen Müttern in ihrer Tiroler Gemeinde erkämpft. "Mein Job ist mir wichtig", sagt Steinmüller-Nethl, "warum soll ich als Frau mit hervorragender Ausbildung nicht ein ebensolches Recht auf berufliche Selbstverwirklichung haben wie alle anderen in meiner Familie?" Die Sensibilisierung junger Frauen für Forschungsberufe ist ihr ein wichtiges Anliegen: In der Schule ihrer Kinder veranstaltet Doris Steinmüller-Nethl Experimente mit Feuer und Licht, Wasser und Eis, auch am jährlichen "Girls Day", wo junge Frauen Informationen zu technischen und wissenschaftlichen Berufen erhalten, nimmt sie regelmäßig teil. "Es ist leicht, auch bei Mädchen Staunen und Neugier für Physik zu wecken, es braucht nur engagierte ExpertInnen." Sieben Patente hat Doris Steinmüller-Nethl mit ihrer Firma bereits angemeldet und drei Innovationspreise erhalten. Für die Aufrechterhaltung dieser Forschungsdynamik tätigt sie kontinuierliche Investitionen, wobei Banken KMUs derzeit stiefmütterlich behandeln. "Unternehmen alleine nach der Bilanz zu bewerten greift zu kurz: Wissensbilanz, Humankapital und Know-How sind eben so aussagekräftige Werte", so die Spitzenforscherin.
Portrait: Teresa Arrieta
