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Dorothea Erharter

  • Ausbildung: Philosophie Studium, Innenausbau Kolleg, Architekturstudium TU Graz, Multimedia Design Lehrgang
  • Position: Dozentin für Webtechnologien und Usability Engineering
  • Wissenschaftsdisziplin: Informationstechnologie


„Mir geht es darum, mit einfachen Mitteln gesellschaftlich etwas zu verändern oder aufzuzeigen.“

Erfrischend direkt

Doro Erharter arbeitet an einem benutzerfreundlichen Internet, lässt sich nicht einschüchtern und weiß, warum Frauen einen BMW brauchen.

 

Klares Sprechen ist wichtig, findet die IT Expertin Dorothea Erharter. Beim Mailen sollten keine Formulierungen benutzt werden, die frau kleiner machen. Also besser „hilf mir“ statt „könntest du mir  helfen“, sinniert sie über männliche und weibliche Kommunikationsformen. Sie hat beobachtet, dass sich Userinnen in Internet-Frauenforen oft für abweichende Meinungen entschuldigen. Die Furcht vor der Eskalation geht um „und zwar an Punkten, wo ich mir dachte: Das war jetzt erfrischend direkt“. Solche Direktheit braucht Doro Erharter wohl, denn an der Fachhochschule St. Pölten, wo sie derzeit IT unterrichtet, ist ihr Fach stark männerdominiert. Arbeitssitzungen werden dort in Sitzreihen abgehalten, man muss sich umdrehen, um miteinander zu reden. „Da hab ich gesagt: Leitln, setz´ma uns doch im Kreis.“ Bis ihr klar wurde, dass sie mit diesem Wunsch auf wenig Verständnis stieß. Manchmal habe sie das Gefühl, Frauen kämen von einem anderen Stern, so unterschiedlich seien die Bedürfnisse. Eine Kollegin habe unlängst gemeint, jetzt muss ich mir einen BMW kaufen, sonst bin ich nicht erfolgreich. Ist zwar lustig gemeint, hat aber einen ernsten Hintergrund, fügt Erharter bedauernd hinzu. Dinge aufzuzeigen, das hat sie immer schon interessiert. Impulse geben für gesellschaftliche Veränderungen, das zog sich als roter Faden durch ihre nicht-lineare Karriere.

Demokratisierung des Internets

Nach dem Gymnasium kam ein Philosophiestudium. Dann ein Jahr Olivenernte in Griechenland. Hernach ein Kolleg für Innenausbau an der HTL Mödling, schließlich der Eintritt ins Berufsleben bei der Firma Lichtdesign in Köln. Als sie daran scheiterte, die dort von ihr geforderten Lampenentwürfe zu gestalten, hängte die Vielseitige noch ein Architekturstudium an und wurde dabei zur Künstlerin. Nebenher leitet sie seit siebzehn Jahren eine eigene IT-Firma, in deren Rahmen sie beispielsweise weibliche EDV-Trainerinnen an die Frauenhaftanstalt Favoriten vermittelt. Ja, es bestehe dringender Bedarf, dass Frauen andere Frauen in IT-Fertigkeiten unterrichten. Denn Studien belegen, dass Frauen ihre männlichen Kollegen immer noch für die besseren Computerexperten halten. Im intimen Rahmen einer Frauengruppe trauen sich die Teilnehmerinnen dann eher, Fragen zu stellen, sind weniger schüchtern. Nach ihren anfänglichen künstlerischen Berufserfahrungen blieb Doro Erharter bis auf weiteres im gesellschaftspolitisch motivierten  IT-Bereich hängen: Denn im Zuge eines Multimedia-Webdesign Lehrgangs kam sie mit der Welt der Usability in Berührung, ein Thema, das sie bis heute nicht mehr loslässt. Es geht um die Vereinfachung des Internet. Das Web soll benutzerfreundlicher werden und dadurch auch ungeschultem Publikum zugänglich. An der Fachhochschule St. Pölten ist sie heute Mitarbeiterin am Institut für Medieninformatik und leitet dort den Forschungsschwerpunkt "Technikferne User". Sie unterrichtet Studierende also darin, benutzerfreundliche Homepages und Computerapplikationen zu gestalten.

Pionierarbeit für Computerlaien

Viele große Firmen verfügen heute bereits über eine eigene Usability Abteilung, denn was nützen die schönsten Homepages und Computerprogramme, wenn sie zu kompliziert aufgebaut sind. Untersuchungen belegen, dass viele Internet-Shops rasch wieder verlassen werden, weil der kauffreudige Konsument nicht herausfindet, wie viel das angebotene Produkt kostet. Usability ist als Thema also bereits in den Köpfen verankert, Pionierarbeit leistet Dorothea Erharter jedoch im Bereich der technikfernen UserInnen - Menschen, die den Computer nicht so häufig benutzen, die nicht wissen, wie sie mit der rechten Maustaste umgehen sollen, die aufklappbare Internet-Menüs nicht bedienen können. Mit diesem Spezialgebiet der technikfernen UserInnen kann man sich zwar nicht so gut brüsten, denn Applikationen werden erheblich schlichter, wenn sie vom St. Pöltner Usability Center aufs Korn genommen werden. Doch die Kunst der Vereinfachung ist dennoch aufwendig: Mit ihren Studierenden entwirft Erharter ausgeklügelte Tests mit Internet-Laien, um deren mentale Modelle nachvollziehen zu können.

Nebenbei leitet die IT-Expertin ein FEMtech-Projekt, um mehr Frauen in diese techniklastige Studienrichtung hereinzuholen, weil man ja allein auf weiter Flur „ganz deppert wird“. Sie hat zwar gelernt, sich an männliche Kommunikationsformen anzupassen, aber manchmal werde es trotzdem sperrig.

Netzwerke und Seilschaften

Immer noch muss man beispielsweise erklären, warum es eine Ungleichbehandlung darstellt, wenn ein Kollege einer Mitarbeiterin Komplimente wegen ihres Stylings macht. Ist zwar wertschätzend gemeint, frau wird dann aber bloß wegen ihres Äußeren gelobt und nicht wegen ihrer Leistung. Das verstärke das Gefühl, anders zu sein als die männlichen Kollegen, erklärt Erharter, die selbst erst spät, im Zuge der Entwicklung eigener Karrierestrategien, über derlei Genderthemen nachgedacht hat. Fürs berufliche Fortkommen seien darüber hinaus Kontakte wichtig, doch auch hier klafft die Geschlechterschere auseinander: Männer bilden Seilschaften, Frauen Netzwerke. Männer hieven einander in Positionen, Frauen passiert dies mehr zufällig. Mit den Seilschaften geht es schneller. Deswegen brauchen Frauen, die sich so wie Erharter in Männerwelten bewegen, eine gewisse Frechheit: „Sich nicht einschüchtern lassen“ so die Devise der IT-Spezialistin. Emanzipation wünscht sie Männern sogar noch mehr als Frauen. Letztere haben zwar angefangen, dieses Thema aufzugreifen, aber eigentlich sind es die Männer, die mehr darunter leiden, denn diese werden stärker in ihre Rolle gezwungen, erläutert die Usability-Pionierin. Sie denkt dabei an Erziehungsmodelle wie: "Ein Indianer kennt keinen Schmerz" oder "Sei ein richtiger Mann!". Männer würden auf diese Art darauf getrimmt, sich zu überwinden – das erleichtert das Karrierestreben, der Preis dafür sei jedoch ständiger Anpassungsdruck und Unfreiheit. Deswegen benötigen Männer Selbstbestimmung noch viel dringender, als Frauen - aber Veränderung macht immer Angst.  „Drum glaub ich, es wird noch vierhundert Jahre dauern, bis sich da wirklich was ändert.“

„Ich achte darauf, direkt zu formulieren - ich finde es wichtig, Dinge anzusprechen.“

Interview und Portrait: Teresa Arrieta