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Ruth Kolmer

  • Ausbildung: Studium Lebensmittelchemie/Gärungstechnik
  • Position: Technische Direktorin i.R.
  • Branche: Lebensmittelindustrie


„Frauen brauchen Unterstützung für die typisch weiblichen Tätigkeiten, von denen sich die Gesellschaft vorstellt, dass eine Frau sie tun muss.“

Halbe Halbe in den 50er Jahren

Ruth Kolmer hat in den fünfziger Jahren als einzige Frau ihres Jahrgangs studiert, war technische Direktorin von drei Firmen und ging fünf Wochen nach der Entbindung wieder arbeiten.

 

„Ein Charmeurlächeln hab ich nie aufgesetzt in der Firma, ich hab mich als Frau völlig normal verhalten“, sagt Ruth Kolmer, und das nimmt man ihr auch ab. Nüchtern, sachlich und sehr bestimmt wirkt sie auch noch mit ihren 79 Jahren. Auch, dass sie als technische Frau Direktor bereits in den siebziger Jahren über drei Firmen geherrscht hat und in ihrer Position die einzige Frau weit und breit war, findet sie „völlig normal“. Jene, die daran Anstoß nahmen, überging sie hoheitlich, denn Ruth Kolmer ist nicht aus der Fassung zu bringen. Wie eine eiserne Lady thront sie im Lehnstuhl ihrer biedermeierlich eingerichteten Wiener Wohnung und will das Arbeiten immer noch nicht lassen. Sie kann sich nicht vorstellen, „ohne Tätigkeit zu leben“ gesteht sie melancholisch - denn die große Zeit der österreichischen Lebensmittelindustrie ist eindeutig vorbei. Zwar hat sie immer noch die Verwaltung der still gelegten Wiener „Vegetabilen Ölfabrik“ inne. Doch nach dem EU Beitritt Österreichs ging alles bergab, „einem Industriefriedhof“ gleichen manche Wiener Randbezirke heute, murmelt Ruth Kolmer betrübt.

Eiserner Führungswille

Viel Wehmut lässt sich jedoch nicht zu, Zeit ihres Berufslebens war Weichheit fehl am Platz, denn es galt, sich als Frau Chefin durchzusetzen und das Familienleben mit zwei Kindern an ihre Arbeit anzupassen. Studiert hat die Respektgebietende Lebensmittelchemie und Gärungstechnik, in ihrem Jahrgang waren sie drei Mädchen, doch nur die junge Ruth schloss das Studium ab. „Es war damals ungewöhnlich“ erinnert sie sich, hat jedoch auch keine besondere Erklärung für ihr frühes Streben nach Selbstständigkeit parat - allerdings habe auch ihr Vater sie immer zur Selbstbestimmtheit ermutigt. 1952 schloss Ruth Kolmer ihr Studium als Frau Ingenieur ab und bekam zwei Wochen darauf ihre erste Stelle bei der „Speiseöl und Speisefettindustrie Schichtwerke Atzgersdorf“. Sie hatte das bakteriologische Labor über, war für Hygiene und Produktentwicklung zuständig. Von Anfang an strebte die Avantgarde-Feministin eine leitende Stellung an - denn jeder Mensch, der nicht die Möglichkeit hat, eine verantwortungsvolle Position auszuüben, tue ihr leid, wie sie während des Gesprächs immer wieder betont. Die erste Schwangerschaft machte ihrem Ehrgeiz trotz allen Elans einen Strich durch die Rechnung, denn dem neuen Direktor „hat es nicht geschmeckt, dass ich als Mutter weiter arbeiten wollte“.

Herrin über drei Reiche

Beinhart zeigte sie sich auch hier: „Ich hab rasch gesagt: Dann können wir unser Dienstverhältnis lösen.“ Drei Monate nach der Entbindung trat sie eine neue Stelle in der vegetabilen Ölfabrik an, wo sie bald zum Betriebsleiter avancierte. Die Frau Ingenieur war damals an der Erfindung von so bekannten Namen wie Osolio und Frivissa beteiligt. Der große Karrieresprung erfolgte 1972, als sich die Firma mit zwei anderen zur „Vereinigten Fettwarenindustrie“ zusammenschloss. Fortan war sie technische Direktorin von drei Firmen und reiste zwischen Wels, Wien und Innsbruck kontrollierend hin und her. Ja klar, für die Bundesländer-Betriebe war es ungewohnt, unter dem Regime einer willensstarken weiblichen Vorgesetzten zu stehen: „Man hat sich wohl gewundert, aber sich´s nie anmerken lassen, denn ich war ja die Vorgesetzte.“ sagt Ruth Kolmer ungerührt. Das Wiener Unternehmen galt bald als Weiberbetrieb, denn Ruth Kolmer bemühte sich nach Kräften, weitere Frauen in leitende Positionen zu hieven. Ihr Lebensmotto: „Gleiche Rechte und gleiche Pflichten“ zog sie unerschütterlich durch: In ihrer Familie sei es selbstverständlich gewesen, dass alle zusammenhelfen, Halbe-Halbe war „net amal eine Diskussion“, bei der zweiten Schwangerschaft arbeitete sie quasi bis zum Tag der Entbindung und trat wenige Wochen später ihren Job wieder an.

Arbeiten Tag und Nacht

Eine Kinderfrau stand schon nach der Geburt bereit und führte die Sprösslinge täglich zum Kindergarten. Wenn einer krank war, standen auch Großmutter und Tante zur Verfügung, denn Ruth Kolmer saß wenn nötig auch spätnachts noch in der Firma: „Ich bin der Meinung, dass Frauen die Möglichkeit erhalten sollen, ihre Leistung auch mit Kindern voll zu erbringen. Es ist Aufgabe der Gesellschaft, den Frauen die Möglichkeiten zu schaffen, sich beruflich einzusetzen. Kinderbetreuungsplätze und ein gemeinsames Arbeiten in der Hauswirtschaft sind selbstverständlich“, schildert sie ihre Überzeugungen. Die Arbeitsstunden hat sie nie gezählt, sich mit der Firma voll identifiziert bis in die Urlaube hinein, denn „wenn man im Meer schwimmt und es geht jemand am Strand entlang mit einem Schild mit meinem Namen“, fällt es schwer, abzuschalten. Weswegen soll sie sich als schlechte Mutter fühlen, die Kinder seien ganz im Gegenteil immer stolz auf ihre erfolgreiche Mama gewesen. Ein Mann wird ja auch nicht gefragt, wie er seinen Direktorenposten mit seinem Familienleben vereinen kann.

„Ich hab die Firma völlig in mein Leben integriert.“

Interview und Portrait: Teresa Arrieta