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Elsa Prochazka

  • Ausbildung: Architekturstudium Technische Universität Wien, Akademie der Bildenden Künste Wien
  • Position: Freie Architektin, Universitätsprofessorin
  • Wissenschaftsdisziplin: Architektur


„Dem Würgegriff der Kommerzialisierung entkommen.“

Grenzbereiche erspüren

Elsa Prochazka vertritt einen „weiten“ Architekturbegriff, entwickelt Universitätsstudien mit neuen Impulsen für konzeptionelles Denken und möchte hardcore Developer aus ihrer Reserve locken.

 

StudentInnen tuckern mit einem Lastenkahn auf der Donau entlang der neuen EU-Länder. Sie legen in Tschechien, Ungarn, Rumänien und Bulgarien an, wo sie neue Netzwerke mit ArchitektInnen und KünstlerInnen knüpfen. Auch so kann ein Studium aussehen, wenn es von Elsa Prochazka initiiert wurde - grenzüberschreitend im wahrsten Sinn des Wortes. Seit 2001 leitet die Architektin die von ihr begründete Studienrichtung raum&designstrategien an der Kunstuniversität Linz, eine neuartige Schnittstelle zwischen Architektur, Design, Kunst und digitalen Medien. Sicher keine Architekturausbildung im klassischen Sinn, aber „wie können wir wissen, was es in fünf Jahren für Berufe gibt“ meint Elsa Prochazka. Sie möchte ihren Studenten Impulse für konzeptionelles Denken vermitteln, einen breiten Bogen von Film über Kunst und Design bis zu virtuellen Raumphänomenen spannen, Grenzbereiche erspüren und überschreiten. Wichtig und zeitgemäß erscheint ihr, Disziplinen zu verknüpfen und deren Grenzen aufzulösen. Am Architekturberuf liebt Elsa Prochazka, dass er in permanenter Veränderung begriffen ist: „Derzeit leben wir in einem fließenden Übergang zwischen einer materiellen und digitalen Welt- und Wahrnehmungskultur“, so die Architektin. Davon ist insbesondere der Architekturberuf betroffen, „weil wir einfach anders sehen als früher“.

Den Raum erforschen

Um solchen Fragen auf den Grund zu gehen, hat die Professorin im Frühjahr an der Linzer Kunstuniversität die neue Forschungsplattform space&designstrategies_research gegründet. Hier sollen weitere internationale Verknüpfungen hergestellt werden. Grenzüberschreitungen sind ein Leitmotiv ihrer Arbeit, denn Elsa Prochazka steht für einen weiten Architekturbegriff, für eine Abkehr von ausschließlich messbarer Effizienzorientierung. Zeit ihres Lebens hat sie versucht, dem Würgegriff der Kommerzialisierung zu entkommen. Denn heute passieren AuftraggeberInnengespräche nicht mehr über Pläne oder Bilder gebeugt, „sondern über Excel-Tabellen“. Viele GeldgeberInnen sind nicht an inhaltlich-konzeptionellen, sondern vorrangig an ökonomischen Fragestellungen interessiert. In dieses Korsett gepresste Architektur produziert letztlich schlecht Verwertbares – was auch die AuftraggeberInnen unzufrieden stimmt. An diesem Punkt brechen dann wieder neue Bereiche auf und unerwartete Kooperationen können entstehen. Hier setzt Elsa Prochazka an. Sie will einerseits AuftraggeberInnen und ProjektentwicklerInnen aus ihren Handlungsmustern locken, andererseits an der Kunstuniversität Berührungsängste und Misstrauen gegenüber PartnerInnen aus der Wirtschaft abbauen. Die Studierenden sollen erleben, dass man im Zuge solcher Zusammenarbeit nicht automatisch seine Seele verkauft. Grenzen auflösen und Vorurteile abbauen, das könnte dieses neue Studium zuwege bringen.

Politische Impulse an der Uni

Von frühester Kindheit an wollte Prochazka Architektin werden, ohne jegliche elterliche Vorbelastung, „aus dem Nichts heraus“, wie sie sagt. All ihre Kinderspiele haben sich um das Entwerfen von städtebaulichen Konfigurationen und Häusern gedreht. Studiert hat sie an der damals noch „sehr technokratisch geprägten“ Technischen Universität Wien und hernach an der Akademie der Bildenden Künste, wo sie weit mehr Anregung fand: Am Schillerplatz hatte die Politisierung der StudentInnen gerade ihren Höhepunkt erreicht, dort erlebte Elsa Prochazka, wie gesellschaftspolitische Entwicklungen in den Architekturbegriff hineinwirken. Sie war damals fast die einzige Frau im Studium, hatte jedoch nie den Eindruck, dass man sie „nicht für voll genommen hätte“. Nach dem Abschluss erfolgte rasch der Schritt in die Selbstständigkeit. Beruf und Familie zu vereinen ist der Mutter eines Sohnes dank Unterstützung der "emanzipierten" Familie und zusätzlicher professioneller Hilfe möglich gewesen, allerdings „mit viel Disziplin und Logistik“. Privates und Berufliches hat sie immer getrennt.

Bahnbrechend im geförderten Wohnbau

Beruflich zieht sich statt der Ausprägung eines persönlichen Stils die Orientierung am Inhalt als roter Faden durch ihr Schaffen. Von ihr stammt eine Serie provokant ungefälliger MusikerInnengedenkstätten, wie das Mozart Geburtshaus in Salzburg, das „weder ein verzuckertes Wolferl, noch den MusicalStar Amadeus präsentiert.“ Viele andere Arbeiten im Museums- und Ausstellungsbereich stellen ihre Fähigkeiten als Designerin unter Beweis. Besonders engagiert hat sich Elsa Prochazka im Städtebau und im geförderten Wohnbau: In Kagran West - in Wien 22 - werden nach ihrem Masterplan 3000 Wohneinheiten umgesetzt, an die 300  Wohnungen wurden dort auch direkt von ihr geplant und werden bereits bewohnt. Alltagsgerechten Lebenswelten gilt ihr besonderes Augenmerk: Bahnbrechend waren die „Frauen-Werk-Stadt“- Projekte der neunziger Jahre, bei denen der Schwerpunkt bei den Bedürfnissen von Frauen lag. Hier konnte Elsa Prochazka Standards etablieren, die nun im geförderten Wohnbau allgemein gültig sind. Diesen besonderen Sinn für das Funktionale stellte sie auch bei der Gestaltung des Wiener Coca Cola Beverage Büro- und Produktionsgebäudes unter Beweis, für das sie 2000 mit dem Aluminium Architektur Preis ausgezeichnet wurde: Eine raffinierte Aufteilung der Belichtungsflächen in der Fassade erlaubt die Beschattung der Computerarbeitsplätze bei gleichzeitigem freiem Ausblick.  Der große Maßstab liegt ihr nicht nur dort besonders: Nach ihren nächsten beruflichen Zielen befragt meint Elsa Prochazka: „Als nächstes würde ich gerne ein richtig großes öffentliches Bauwerk mit unterschiedlichsten Nutzungen machen.“

„Man findet immer Leute, die konstruktiv und unkonventionell an Fragestellungen herangehen, so bilden sich Netzwerke für gemeinsame Entwicklungen.“