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Birgit Sattler

  • Ausbildung: Studium der Mikrobiologie an der Universität Innsbruck
  • Position: Forschungsassistentin am Institut für Ökologie
  • Wissenschaftsdisziplin: Limnologie


„Im Eis erfährt man, was einen wirklich bewegt und wozu man fähig ist. Man lernt, die eigenen Grenzen auszuloten.“

Das Donnern der Eisgletscher

Polarforscherin Birgit Sattler hat auf ihren Forschungsreisen die weiße Weite der Antarktis kennen gelernt. Das hat ihr Leben geprägt, denn dort fühlte sie sich unbezwingbar.

 

Wer hätte gedacht, dass so viele Farben schillern an jenem Ort, wo alles weiß ist. In der Antarktis, wo es nur Schnee, Eis und Wüste gibt, hat die Innsbrucker Polarforscherin Birgit Sattler alle Farben des Regenbogens erlebt: Wie der Lichteinfall zu Mittag die Eisfelsen blau bricht, wie die Abendsonne alles in satte Orangetöne taucht. Sogar das knallgelbe Zelt, in dem sie bei minus vierzig Grad Außentemperatur geschlafen hat, wurde gelber: Wie riesengroße Blüten, denen die Bienen zuströmen, kamen sie ihr vor: „Man wird halt a bisserl komisch im Kopf dort draußen“ - oder vielleicht nimmt man bloß alles intensiver wahr und die Dinge werden echter. Birgit Sattler hat ihr Berufsleben der Limnologie gewidmet: Die Assistentin am Innsbrucker Universitätsinstitut für Ökologie ist Eisforscherin, und durfte bereits drei Mal in die Arktis „das ist dort, wo die Eisbären wohnen“, und drei Mal in die Antarktis „dort ist es noch viel kälter und dort leben die Pinguine“. Die Reisen haben sie sehr geprägt: „Ich bin für mein ganzes Leben dankbar, dass ich das hab' machen dürfen“, schwärmt sie versonnen. Dort zu sein, wo sonst nix ist, das sei einfach ein unbeschreibliches Gefühl: „Wie, wenn man in etwas ganz Großem drinnen steckt.“

Reise zu den eigenen Grenzen

„Auf einem polaren Plateau zu stehen oder auf einen Gletscher hinauf zu schauen, das ist so gewaltig, man hat das Gefühl, man kann alles schaffen, das ist sehr prägend.“, erinnert sie sich an ihre letzten Reiseerlebnisse und vergisst auch nicht die damaligen Schwierigkeiten: Bei minus vierzig Grad zu forschen, das bringe jeden an seine Grenzen. Man lerne sehr viel über sich und über das, was wirklich wichtig ist. Während der ersten Reise sei sie anfangs meist schlecht gelaunt gewesen, weil sie es nicht fassen konnte, dass einem immer kalt sein kann. Für eine solche Reise erhält man nicht etwa einen AstronautInnenanzug mit eingebauter Heizung: Birgit Sattler bekam schlichte warme Daunenbekleidung und fuhr ansonsten mit Angoraunterwäsche und mit der Expeditionskleidung ihres Vaters aus den siebziger Jahren: „Man muss sich halt mehr bewegen und 5000 Kalorien pro Tag essen“, schildert sie nüchtern. Man lernt, was wesentlich ist, denn Alltagsablenkungen gibt es dort keine. Besonders beeindruckt war die 37jährige von den „Dry Valleys“, das sind Sandwüsten, zu denen man nur mittels Hubschrauber gelangen kann: Täler mit eisbedeckten Seen und Sandgeröll, einer Mondlandschaft gleich. Am meisten beeindruckte sie das brüllende Heulen der Windstürme. Das Geräusch des zerberstenden Eises, wenn die Brocken die Gletscherfront hinunterdonnern, habe sie „an das Peitschenknallen in unserem Dorf im Fasching beim Winteraustreiben“ erinnert.

Verschmelzen mit den Gletschern

Frei und unbesiegbar hat sich Birgit Sattler am Polar gefühlt, obwohl man dort sehr verletzlich sei, denn eine solche Expedition ist nun einmal gefährlich. Deswegen musste sie dort auch ein Überlebenstraining absolvieren, im Zuge dessen sie über Nacht ausgesetzt wurde – gemeinsam mit ihren KollegInnen und nur mit der nötigsten Grundausrüstung ausgestattet. Zusammen mussten sie entscheiden, ob sie aufgrund der Wetterlage zur Übernachtung ein Iglu bauen, eine Schneehöhle graben oder doch das Zelt aufstellen sollten – eine wahrlich harte Nacht. Aber trotz aller Risiken möchte die Limnologin sobald es geht wieder in die polaren Regionen. Ihre bisherigen Forschungsergebnisse erregen bereits internationales Aufsehen: „Leben gibt es überall“ so die wichtigste Erkenntnis der Eisexpertin. Die arktischen und antarktischen Forschungsergebnisse haben insgesamt zu einem neuen Verständnis des polaren Ökosystems beigetragen.

Leben im Eis

Heute weiß man, das Eis und Schnee keine sterilen Wüsten sind, sondern dass sich Leben auch unter den widrigsten Umständen weiter entwickelt: Wenn etwa jemand am Polar beim Wandern auf eine Flechte tritt (eine Symbiose aus Alge und Pilz), dann braucht diese mehrere hundert Jahre, um sich zu regenerieren, weil sie extrem langsam wächst, so weit ist die Anpassungsleistung gediehen. Aber das LimnologInnenteam um Birgit Sattler hat nicht nur die Polarregionen erforscht, sondern auch alpine Gegenden: In Innsbruck liegt das Eis ja praktisch vor der Haustür. Hier, in einer kleinen Forschungsstation neben einem Schigebiet, haben Sattlers Forschungen ihren Anfang genommen. Hier konnte ihr Team gemeinsam mit ihrem Mentor Prof. Roland Psenner erstmals nachweisen, dass im Winter in einem zugefrorenen See die meiste mikrobakterielle Aktivität innerhalb der Eisdecke – und nicht in den Wassertiefen – stattfindet. Später erstreckten sich ihre Untersuchungen auf Kleinstorganismen in den Wolken. Die Erkenntnis, dass auch die Luft lebendig ist, dass sich Mikroorganismen in der Atmosphäre reproduzieren und Stoffwechsel betreiben können, hat vor fünf Jahren viel Staub aufgewirbelt. Doch derzeit schwebt Birgit Sattler nicht mehr über den Wolken sondern fiebert bereits ihrer nächsten Polarreise entgegen. In der Zwischenzeit kämpft sie auch für den Schutz dieses vom Klimawandel und Tourismus bedrohten Ökosystems: Seit 2006 ist sie Delegierte Österreichs für den Antarktisvertrag. Ihr nächstes Projekt: Habilitieren und erneut die Gletscher der Antarktis besteigen.

„Entweder man erlebt den Polar als riesengroßes Gefängnis oder als riesengroße Weite.“

Interview und Portrait: Teresa Arrieta