DiaLife - Diamond and Carbon Materials in Life Science


Die freie Journalistin und Ö1-Sendungsgestalterin Teresa Arrieta im Gespräch mit der Zentrumsleiterin Dr.in Doris Steinmüller-Nethl

"Das Laura-Bassi-Programm erweitert Wissenschaft um Management-Dimensionen"

Ihr Laura-Bassi-Zentrum verfügt über vielfältige ForschungspartnerInnen.

Es handelt sich um ein Konsortium aus neun Unis, Kliniken, Unternehmen, Forschungseinrichtungen. Wir sind stolz auf einen Frauenanteil von 60 Prozent. Die Forschungen basieren auf der von uns entwickelten Diamanten-Technologie und konzentrieren sich auf drei Bereiche:
Erstens die Beschichtung von medizinischen Titan-Implantaten, die dann im menschlichen Körper korrosionsbeständiger und verträglicher werden und aufgrund der Nanostrukturierung und speziellen Oberflächeneigenschaften eine schnellere Einheilung im Knochen bewirken. Auch Prothesen werden dadurch besser fixiert. In Kooperation mit dem Fraunhofer Institut in Stuttgart werden in Zellkulturen Implantate mit künstlicher Haut getestet. So kann man in Zukunft Tierversuche ersetzen, denn ab 2013 sind Tierversuche – speziell für kosmetische Zwecke – verboten.

Ihr zweiter Forschungsbereich betrifft Knochenersatzmaterialien.

Mit diesen so genannten Biomaterialien können große Knochendefekte, die durch Tumore oder Unfälle entstanden sind, aufgefüllt werden. Bisher konnten solche Biomaterialien nur Knochendefekte, die kleiner als 1 cm sind, ersetzen. In DiaLife sollen jedoch auch größere "durchblutete" Knochen mittels diamantener Zellträger (Scaffolds) entwickelt werden.
Das dritte Forschungsprojekt sind am Knochen-Implantat angebrachte Diamantsensoren, die den Heilungsfortschritt "in vivo" messen. Mit dem Innsbrucker Alternsforschungszentrum entwickeln wir einen Sensor, den man in die Oberfläche der Diamantbeschichtung integriert, so dass man online messen kann, wie schnell der Knochen einheilt oder wie schnell sich ein bakterieller Biofilm ansiedelt. Bisher haben wir erste Entwicklungen in Zellkulturen und Tierversuchen getestet, eine klinische Studie soll im Frühjahr 2010 beginnen. Im Rahmen dieses Laura-Bassi-Zentrums startet eine Reihe von Diplomarbeiten und Dissertationen. Unser Ziel ist es, dass am Ende der siebenjährigen Förderperiode Hightech-Produkte vorliegen, um PatientInnen mit großen Knochendefekten, die durch Tumore oder Unfälle entstehen, zu helfen und Implantate langlebiger und verträglicher zu machen.

Ihre Forschung ist also sehr umfassend und interdisziplinär.

Wir vergeben derzeit Dissertationen an Biologinnen, Chemikerinnen, Physikerinnen und Medizinerinnen in Schweden, Graz, Stuttgart, Berlin und Innsbruck. Es handelt sich um hochgradig interdisziplinäre Forschung, es wird reger wissenschaftlicher Austausch unter den Wissenschaftlerinnen herrschen. Neun Institutionen sind mit den Projekten betraut. Meine Aufgabe besteht – gemeinsam mit Prof. Günther Leising von der TU Graz – in der Gesamtkoordination.

Das Laura-Bassi-Programm möchte einen Beitrag zu mehr Chancengleichheit leisten. Wie setzen Sie dieses Anliegen um?

In meiner Arbeit habe ich immer schon Frauenförderung betrieben. Ich habe Frauen in der Forschung stets als sehr selbstbewusst erlebt, sie setzen sich durch. Ich glaube, es bedarf keiner Frauenquote, sobald qualifizierte Forschung wirklich anerkannt wird. Frauenförderprojekte laufen stets Gefahr, auf die Frauenschiene reduziert zu werden. Hier muss die wissenschaftliche Exzellenz betont werden. Es müssen eindeutig bessere Rahmenbedingungen geschaffen werden, um Eltern – sowohl Frauen als auch Männern – die Möglichkeit zu geben, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Das ist eine Herausforderung für die Politik, aber auch für Firmen und Universitäten. Die diesbezügliche Bewusstseinsbildung hat bereits begonnen, nun bedarf es konkreter Taten – auch im finanziellen und steuerlichen Bereich.

Wie beurteilen Sie die im Laura-Bassi-Programm implementierte "neue Forschungskultur" mit ihrem besonderen Augenmerk auf Management-Qualitäten?

Nicht nur als Unternehmerin, die ich seit 1994 bin, sondern auch als Leiterin eines Laura-Bassi-Zentrums setze ich mich intensiv mit Managementfragen auseinander. Wir als DiaLife-Partner haben für die Studentinnen einen sehr genauen Plan entwickelt, damit sie im wissenschaftlichen Bereich umfassende Erfahrung in vielfältigen Forschungsdisziplinen sammeln können. Ich habe sehr genau überlegt, wie wir deren Weiterbildung aufbauen, um ihnen im Laufe der Zeit immer verantwortungsvollere Arbeiten zuzuteilen, bis hin zur Übernahme von Management-Aufgaben. Die Devise lautet: anfangs führen und dann loslassen. Diese ganzheitliche Ausbildung ist vollkommen innovativ. Auch ich selbst habe mich mit Fragen des Projektmanagements, der Finanzierung und Koordination noch stärker auseinander gesetzt als bisher und diese Themen stärker strukturiert als bei anderen Projekten. Die dafür notwendigen Management-Skills fehlen in der wissenschaftlichen Ausbildung an den Universitäten noch völlig, das sollte in die Studienpläne aufgenommen werden.

In welcher Weise erfolgt die Karriereplanung für Ihre MitarbeiterInnen? Karriere-Entwicklung ist ja ein wichtiges Anliegen des Laura-Bassi-Programms.

Wir haben einen genau definierten Karriereplan für alle Mitarbeiterinnen aufgestellt. Ziel ist, nach vier Jahren eine eigenverantwortlich arbeitende Wissenschaftlerin ausgebildet zu haben, die auch in die Führungsebenen der Industrie gehen kann. Unsere jungen Expertinnen haben dann nicht nur hoch qualifizierte Forschung gelernt, sondern auch die Entwicklung eines industriellen Produktes bis zur Markteinführung mitverfolgt. Diese Frauen werden am Ende der Laura-Bassi - Förderperiode weit mehr können als ein normaler Post-Doc Abgänger einer Universität. Unsere jungen Expertinnen sind dann in Administration und Projektmanagement ebenso geschult wie in Fragen der Ökonomie und interdisziplinären Reflexion innerhalb eines vielfältigen wissenschaftlichen Netzwerkes.

Worin sehen Sie den Mehrwert des Laura-Bassi-Programms im Vergleich zu anderen Forschungsprogrammen?

Es ist diese Symbiose zwischen Industrie und Wissenschaft sowie die Interdisziplinarität der wissenschaftlichen Expertise, die den Mehrwert ausmachen. Interdisziplinarität liegt einfach im Zeitgeist, das höre ich auch von unserer wissenschaftlichen Partnerin in Frankreich. Die jungen ForscherInnen genießen für ihre Karriere im Laura-Bassi-Zentrum eine ganz besondere Ausbildung im kooperativen Bereich. Auch fachlich wird bei uns Pionierarbeit geleistet, es gibt viel Raum für wissenschaftliches Experimentieren. In der Industrie sind Entwicklungen normalerweise rein anwendungsbezogen. Wir hingegen verfügen über mehr Spielraum, verlieren aber trotzdem das Ziel nicht aus den Augen.

Interview: Teresa Arrieta