
THERAPEP - THERApeutic application of neuroPEPtides
Neuropeptide entschlüsseln
Univ.-Prof.in Mag.a Dr.in Barbara Kofler hat ein unbekanntes Eiweißhormon entdeckt, ein internationales Forschungslabor aufgebaut und wünscht sich mehr Männer in Vaterkarenz
Das wissenschaftliche heureka! ereignete sich im Labor. Dessen ganze Tragweite erkannte Barbara Kofler dann jedoch während einer Autofahrt, am Heimweg von einem Schiurlaub: Die Neuropeptid-Expertin Kofler diskutierte mit ihrem Mann, einem Dermatologen, ihre neuesten Forschungsresultate rund um die Neuropeptid-Familie Galanin, die sich in der menschlichen Haut befindet. Neuropeptide sind Eiweißhormone: Botenstoffe, die vom Gehirn gesteuert werden, durch die Blutbahn schwimmen und Körperfunktionen wie Gefühle, Suchtverhalten oder Heilmechanismen in vielfacher, teils noch unbekannter Weise steuern. Deren Wirkungsweisen sind heute Gegenstand zahlreicher Untersuchungen weltweit. "Das wäre eine dermatologische Neuentdeckung", sagte ihr Mann, als Barbara Kofler ihre Vermutung äußerte, dass Neuropeptide der Galanin-Familie bei Entzündungsprozessen in der Haut heilsame Wirkung entfalten. Zehn Jahre sind seit jenem Gespräch vergangen – Barbara Kofler ist mittlerweile zu den internationalen Größen der Neuropeptid-Forschung avanciert. Auch das neue, von ihr geleitete Laura-Bassi-Zentrum hat die Untersuchung dieser Eiweißhormone zum Ziel.
Auf Omas Schoß mikroskopieren
In Barbara Koflers Familie hat Wissenschaft Tradition: Schon ihre Großmutter studierte Anfang des Jahrhunderts als eine der ersten Frauen Medizin und Mineralogie und weckte früh den Forschergeist ihrer Enkelin: "Ich bin auf ihrem Schoß gesessen und hab im Mikroskop gesehen, wie Kristalle wachsen und schillern", erinnert sich Barbara Kofler. Sogar im Ruhestand saß die Oma noch im Labor und mikroskopierte dort gemeinsam mit ihrer Enkeltochter. Jene Momente gehören zu Koflers eindrücklichsten Kindheitserinnerungen: "Ich kann mich ganz genau an den Raum erinnern und wie es dort gerochen hat", sinniert sie. Aber auch die Männer in Barbara Koflers Familie forschten: Ihr Vater war Physiker, Wissenschaftler und Erfinder; ihr Großvater Universitätsprofessor für Pharmakognosie (Arzneimittellehre). Ihr Interesse für die Naturwissenschaft setzte sie auch in der Schule fort, wo sie im Rahmen von schulischen Chemie-Olympiaden viel Talent beim Experimentieren an den Tag legte.
Andere Forschungskultur in Australien
Die in Innsbruck aufgewachsene Barbara Kofler studierte dann in ihrer Heimatstadt Chemie. Die Ausbildungsbedingungen waren rigide und fordernd, auf dem Weg zur Dissertation meisterte Barbara Kofler zahlreiche Rückschläge. Als es galt, Eiweißmoleküle zu isolieren, stellte sie ihre Ausdauer unter Beweis. Danach wurde die junge Biochemikerin mit einem Erwin-Schrödinger-Stipendium ausgezeichnet und forschte zwei Jahre lang am Department for Neurobiology des Garvan Institute of Medical Research in Sydney, Australien, wo eine völlig andere Forschungskultur herrschte. Barbara Kofler eignete sich dort einen neuen, selbstverantwortlichen Arbeitsstil an, die exzellente Innsbrucker Grundlagenausbildung kam ihr dabei zugute. In der offenen, unkomplizierten Arbeitsatmosphäre Australiens erkannte sie ihre Chancen und Potenziale.
Labor mit internationalem Renommee aufgebaut
Nach ihrer Rückkehr im Jahr 1995 wurde Barbara Kofler aufgrund ihrer umfassenden Qualifikationen mit dem Aufbau eines neuen Forschungslabors für Kinderonkologie an der Kinderklinik Salzburg betraut. "Ich stand da in einem leeren Raum, ohne Personal, wohl aber mit entsprechendem Budget für molekularbiologische Ausstattung", erinnert sich Barbara Kofler. Sie meisterte diese Stunde null rasch, indem sie die erste molekularbiologische Infektionsdiagnostik für Viruserkrankungen in Salzburg etablierte. Denn bislang hatten die Proben nach Wien geschickt werden müssen, was zu unzumutbaren Wartezeiten für Schwerkranke führte. Im Laufe der Jahre gelang es ihr, das Labor von 16 m2 auf heute 180 m2 zu erweitern. An der Salzburger Kinderklinik vertiefte Barbara Kofler die Expertisen ihres Labors nicht nur in der Diagnostik und Kinderonkologie, sondern war auch an der Entwicklung eines neuen Schwerpunkts im Bereich Muskelerkrankungen beteiligt. So vereint die Laborleiterin medizinischen Alltag und Wissenschaft.
Entdeckung eines neuen Eiweißhormons
Heute leitet Barbara Kofler ein rund 20-köpfiges Laborteam. Als persönliches Spezialgebiet hat sich die Neuropeptid-Forschung herauskristallisiert. Ein Höhepunkt in Koflers wissenschaftlicher Laufbahn war das Jahr 2003, als sie ein bislang unbekanntes Neuropeptid entdeckte. "Ich hab die internationalen Datenbanken wieder und wieder durchforstet, bis ich ganz sicher war, dass ich tatsächlich etwas völlig Neues entdeckt habe." Barbara Kofler gab ihm den Namen Alarin und erforscht derzeit dessen Funktion im menschlichen Körper. Heute weiß sie, dass sich dieses Hormon in der Haut befindet und antientzündlich wirkt. Hier setzt auch das Laura-Bassi-Zentrum an: Ziel ist, die Funktion einer ganzen Neuropeptidfamilie zu untersuchen, im Hinblick auf deren Heilpotenzial für dermatologische und andere Entzündungskrankheiten.
Mehr Vaterkarenz zugunsten von Frauenkarrieren
Hilfreich für Barbara Koflers glänzende wissenschaftliche Karriere war neben ihrer herausragenden Begabung auch die Unterstützung ihres Mannes bei der Kinderbetreuung. "Für mich war immer klar, dass Familienplanung für unseren Sohn nur gemeinsam geschehen kann", sagt Barbara Kofler. Beide Ehepartner gingen jeweils sieben Monate in Karenz. "Vater und Sohn haben diese Zeit sehr genossen", erinnert sich die hoch qualifizierte Expertin. Die finanzielle Einbuße, die die Familie in dieser Zeitspanne hinnehmen musste, konnte Barbara Kofler nicht aufhalten: "Wir haben den Gürtel halt enger geschnallt." Diesem Beispiel sollten mehr Forscherinnen folgen, wie Kofler findet. Wissenschaftlerinnen seien selber für die Durchsetzung von mehr Gleichberechtigung verantwortlich, sie sollten Väter-Karenzzeiten bei ihrem jeweiligen Partner nachdrücklicher einfordern. "Wir brauchen nicht nur mehr Krabbelstuben, sondern auch mehr Männer, die mithelfen."
Portrait: Teresa Arrieta
