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Erika Jensen-Jarolim

  • Ausbildung: Medizinstudium, Medizinische Universität Wien
  • Position: Professur und Leiterin des Institutes für Pathophysiologie, Medizinische Universität Wien
  • Wissenschaftsdisziplin: Humanmedizin


„Ich hab viel zu lange gewartet, dass ich belohnt und gesehen werde: So, ich war ein braves Mädchen, jetzt muss die Belohnung kommen - aber das funktioniert nicht so. Männer sind da viel offensiver.“

Sich ins Licht stellen, gegen den Strom schwimmen

Die Top-Allergologin Erika Jensen-Jarolim fördert Frauen mit großem Engagement, forscht erfolgreich abseits des Mainstreams und entwickelt Impfungen gegen Allergien und Krebs.

 

„Am selben Tag, an dem ich die Professur bekam, hab ich im Club der Professorinnen angerufen, um dort aufgenommen zu werden. Denn nur von dieser Ebene aus kann man dann aktiv die vielen weiblichen Talente nach oben holen.“ Erika Jensen-Jarolim ist nicht nur zielstrebig, sondern spricht Unterschiede zwischen Männer- und Frauenkarrieren sofort an: „Männer werden automatisch besser gefördert, Frauen häufiger zur Infrastrukturerhaltung eingesetzt. Informationsflüsse zwischen Männern funktionieren besser, weibliche Netzwerke müssen hingegen erst ausgebaut werden.“ Gelassen und ohne Vorwurf schildert die Allergologin Ungleichbehandlungen - und diese unprätentiöse Haltung, gepaart mit sozialem Einfühlungsvermögen, ist neben den wissenschaftlichen Qualifikationen wohl eines ihrer Erfolgsgeheimnisse. Eine Bilderbuchkarriere hat die mit Juli 2006 zur Leiterin des Universitätsinstitutes für Pathophysiologie Gekürte hingelegt. Nach vierjähriger Karenzzeit konnte sie den kinderbedingten Karriereknick innerhalb kürzester Zeit aufholen und sich innerhalb von weiteren vier Jahren habilitieren. Nach dem Wiedereinstieg wurde ihr Zeitmanagement effizienter, die Topforscherin lernte, sich mehr ins Licht zu stellen, kündigte ihre wissenschaftlichen Vorträge aktiver an und suchte sich kühn einen Mentor für die Habil zu Zeiten, wo offizielle Mentoringprogramme noch in amerikanischen Fernen lagen.

Provokante Wissenschaft

Der Förderer lehrte sie, wie man sich im Zuge des Habilitationsvortrags am besten präsentiert, wie man Fragen vorbereitet und zu erkunden, wer anwesend sein wird. „Denn das Drumherum ist mindestens ebenso wichtig wie die harten Fakten“, wie Jensen-Jarolim von ihrem Mentor erfuhr. Im Rückblick ärgert sie sich trotzdem über typisch weibliche Angepasstheit: „Für die Habil hab ich zu lange auf das 'Ok' meines Chefs gewartet - ich hätte es schon früher machen sollen, denn ich hatte meine Habil-Kriterien schon lange erreicht. Manche Herren haben früher eingereicht.“ Die Professur habe natürlich ihren Status verbessert, „man wird wichtiger genommen in den Sitzungen“, aber nun war auch ein Rollenwechsel angesagt:„Weniger blutrünstig für die eigene Karriere kämpfen, danach trachten, ein Team heranzubilden, das das eigene Lebensprinzip und die wissenschaftliche Ethik nach außen weiter trägt.“ Denn die Einzelkämpfer-ProfessorInnen sterben einsam und bringen auch keine erfolgreichen SchülerInnen hervor, wie die Allergologin beobachtet hat. Ihre wissenschaftliche Ethik kann sie klar umreißen: "Gegen den Strom schwimmen, gesichertes Wissen hinterfragen." Geprägt hat sie dabei ihr Schweizer Lehrer Beda Stadler, charismatischer Querdenker, Allergologe und Genforscher. „Er hat mir Mut gemacht, Forschungswege gegen den mainstream zu beschreiten. Man muss provokante Neuigkeiten hartnäckig verbreiten. Das macht es so spannend, deswegen arbeite ich so gerne.“

Wissenschaft auf Augenhöhe

Durch konsequentes Querdenken konnte Jensen-Jarolim etwa beweisen, dass magensäuremindernde Medikamente Nahrungsmittelallergien auslösen können, „weil diese Medikamente die Proteinverdauung beeinträchtigen und sich dadurch allergieauslösende IgE Antikörper bilden können.“ Damals habe sie viele böse Briefe von Pharmafirmen bekommen, denn Magensäureneutralisatoren oder -inhibitoren zählen zu den Bestsellern der Pharmaindustrie. „Ich hätte zu diesem Zeitpunkt Angst bekommen und aufhören können.“ Stattdessen schob sie immer mehr harte Fakten nach, bis der wissenschaftliche Durchbruch gelang. Heute wird sie mit ihrem Team zu Kongressen und Reviews eingeladen, um ihre Erkenntnisse darzulegen. Auch, nachdem ihr die Institutsleitung übertragen wurde, ist sie ihrer Ethik, die sie auch „Wissenschaft auf Augenhöhe“ nennt, treu geblieben – hat das gesamte Institut auf den Kopf gestellt und Hierarchien konsequent durchbrochen : Statt der halbjährlichen strengen Institutskonferenzen gibt es nun monatliche Sitzungen mit allen Arbeitsgruppenleitern. „Da sind sehr viele Frauen dabei, die vorher nicht gehört wurden. Mir ist ganz wichtig, dass ich die Fühler nach unten ausstrecke um Stimmungen mitzubekommen.“ Ein bisschen kämpft sie noch mit der Tatsache, dass die vielen Frauen ihr oft erst nach Sitzungsende ihre Meinung kundtun. Doch langsam lockere sich das Klima, „die Leute sehen, dass sie nun mitgestalten können.“ Als weiteren Schritt hat Jensen-Jarolim die finanzielle Gebarung des Institutes offen gelegt. Transparenz bis zur Schmerzgrenze wie sie sagt, denn ihr ist wichtig, dass die Mittel gleichwertig und offen verteilt werden.

Impfung gegen Krebs

Ein anstrengendes Jahr hat die neue Institutsleiterin hinter sich, aber „man hat dann irgendwann eine Mission“, und diese liegt neben den wissenschaftlichen Zielsetzungen in ihrem hartnäckigen Einsatz für Frauengleichbehandlung: Vergangenes Jahr nahm die Forscherin am Frauenmentoring Programm der Medizinischen Universität Wien teil, wo sie gleich fünf Mentees übernahm. Dabei konnte sie erstaunliche Strategieunterschiede beobachten, denn auch männliche Kollegen waren unter den Mentoren: „Die Männer sahen ihre Aufgabe vor allem darin, ihre Mentees in die Seilschaften und Lagerbildungen einzuweihen. Die Mentorinnen hingegen haben an den konkreten Defiziten der Betreffenden gearbeitet: Internetpräsenz, Auftreten, Kommunikationstechnik.“ Der nächste Karriereschritt kündigt sich bei der Umtriebigen bereits an: Seit 2000 ist Erika Jensen-Jarolim als Erfinderin an zahlreichen Patentanmeldungen für Impfungen gegen Allergien sowie Krebstumoren beteiligt. Sie hatte im Zuge ihrer Untersuchungen entdeckt, dass das körpereigene Eiweiss IgE, das Allergien auslöst, gleichzeitig auch zur Rückbildung von Tumoren beiträgt. Verwegen führte sie Allergologie und Onkologie zusammen – zwei Disziplinen, die noch nie Austausch pflegten, und entwickelte eine Tumorimpfung auf Basis von IgE Antikörpern. Auf Basis dieser Erkenntnisse organisiert sie nun auch das welterste allergo-onkologische Symposium. Darüber hinaus ist für Ende 2007 geplant, in einer Kooperation krebskranke Hunde auf der veterinärmedizinischen Universität mit ihrer Tumorimpfung zu behandeln, als eine Mensch - Tier Vergleichsstudie und nicht als Tierversuch: Ebenfalls eine innovative und ungewöhnliche Wissenschaftsmethode.

„Man muss sich trauen, gegen den Strom zu schwimmen, auch wenn es nicht dem Lehrbuch entspricht. Wissenschaftliche Diskussion kommt nur zustande, wenn es unterschiedliche Meinungen gibt. Mir macht es Spaß, zu polarisieren.“

Interview und Portrait: Teresa Arrieta