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Alberta Velimirov

  • Ausbildung: Studium der Zoologie Universität Wien
  • Position: Qualitätsforscherin bei FiBL (Forschungsinstitut für biologischen Landbau)
  • Wissenschaftsdisziplin: Lebensmitteluntersuchung


„Es ist Unsinn, die westliche reduktionistische Naturwissenschaft über alles andere zu erheben.“

Wir brauchen eine Nahrungsrevolution

Zoologin Alberta Velimirov untersucht die Qualität biologischer Lebensmittel mit ganzheitlichen Wissenschaftsmethoden und stellt die Ökologie in der Landwirtschaft auf zeitgemäße wissenschaftliche Beine.

 

Wir brauchen uns nicht zu wundern, wenn wir immer dicker und gestresster werden, denn auch die Landwirtschaft ist auf größer, schneller und mehr ausgerichtet, erklärt Alberta Velimirov. Der Mensch steht ja nicht außerhalb dieses von ihm geschaffenen Systems, sondern mitten drin. Somit essen wir den Stress der nicht artgemäß behandelten Lebewesen mit. Das sind keineswegs ideologische Aussagen, sondern wissenschaftliche Erkenntnisse. Alberta Velimirov arbeitet seit zwanzig Jahren daran, das System der biologischen Landwirtschaft auf eine neue wissenschaftliche Basis zu stellen: „Ich sehe das Nahrungssystem als ein Gesamtsystem. Ich studiere die Zusammenhänge zwischen Bodenqualität, Anbau und Ernährungsweise, ich beziehe das Nahrungssystem in seiner Gesamtheit ein, wenn ich von "biologisch essen" spreche.“ Deswegen fordert die Expertin eine Nahrungsrevolution - auch wenn sie dabei in gewissen WissenschafterInnenkreisen belächelt wird, was die selbstbewusste Ökopionierin nicht zu irritieren vermag. Obwohl sie der fortschreitende Machbarkeitswahn der rein analytischen Ernährungswissenschaft besorgt stimmt - vor allem die grüne Gentechnik, "weil wir hier ja alle mitgefangen sind.“ Das hinter dem gentechnischen Machbarkeitsanspruch stehende Weltbild lehnt sie ab. Der westlichen analytischen Wissenschaft, die Hierarchien etabliert und sich nichtwestlichen Denksystemen überlegen fühlt, müsse endlich ein Gültigkeitsrahmen gesetzt werden. Denn während ihrer Aufenthalte in Südafrika, Kenia, Maurizius und Sri Lanka hat sie erkannt, dass es auch nicht-wissenschaftliche Weltbilder gibt, die genauso gültig sind, wenn nicht sogar überlegen. Schließlich tragen diese anderen Denksysteme weit mehr zum harmonischen Zusammenleben von Mensch und Natur bei.

 

Keine Handlangerin der Männerwelt

Doch diese Erkenntnisse sind der Forscherin erst im Laufe der Zeit gekommen. Als junges Mädchen wollte Alberta Urwaldforscherin werden, später wurde ihr klar, dass sie dafür Zoologie studieren muss. Und noch etwas wurde ihr während des Studiums an der Universität Wien bewusst: „Ich hab begriffen, dass ich in einer Männerwelt lebe und diese in der Karriere vorgezogen werden.“  Daraufhin beschloss die von ihrem Fach begeisterte Zoologin: „Ich werde nicht erwerbsmäßig arbeiten, sondern nur im Haushalt und für die Kinder. Ich werde heiraten und mich für meine Hausarbeit erhalten lassen, denn den beruflichen Konkurrenzkampf geb' ich mir nicht.“ Bedenken, ihre Unabhängigkeit einzubüßen, hatte sie dabei keine: „Abhängig ist man immer: Wenn nicht vom Mann, dann von den AuftraggeberInnen. Außerdem hab ich immer gewusst, dass Familienarbeit irrsinnig wertvoll ist. Viele Frauen fühlen sich dabei leider minderwertig.“ Tatsächlich heiratete die Unbeirrbare kurz nach ihrem Abschluss und begann, mit ihrem Mann – ebenfalls ein Zoologe – zu arbeiten. Sie folgte ihm nach Kapstadt, unterstützte seine Studien, indem sie mit ihm gemeinsam nach Muscheln tauchte und bekam zwei Kinder. In diese Phase fiel auch der Zeitpunkt ihres wissenschaftlichen „Erwachens“. Damals kam sie im Zuge ihrer Reisen mit den Denkweisen Indigener in Berührung, die die Natur als etwas Belebtes betrachten und ökologische Kreisläufe berücksichtigen. „Dieses Denken war mir von Anfang an sympathischer. Es fühlt sich einfach stimmiger und wärmer an“, meint die Zoologin rückblickend.

Tiere wählen instinktiv Bio-Futter

Nach ihrer Rückkehr nach Wien bot man ihr am Ludwig-Boltzmann Institut für biologischen Landbau eine Halbtagsstelle zur Qualitätskontrolle biologischer Lebensmittel an. Dafür wurden Fütterungsversuche und Futterwahlversuche mit Laborratten unternommen: Den Nagern wird über einen längeren Zeitabschnitt biologisches und konventionelles Futter serviert. Die ForscherInnen untersuchen, ob die Tiere die Biokarotte der konventionellen vorziehen, und ob Biofutter langfristig zu mehr tierischer Gesundheit führt. Zwei lebende Systeme werden hier miteinander verglichen – eine ganzheitliche Methodik, die dem Denken der Zoologin weit mehr entgegenkam als Nährstoffanalysen. Vergleicht man nämlich den Vitamingehalt von Bioprodukten mit konventionellen, findet man nur wenige Unterschiede. Bei den Fütterungsversuchen hingegen waren die Ergebnisse stets sensationell: Die Ratten fraßen das Biofutter lieber, blieben gesünder und es gab auch weniger Totgeburten. Heute bemüht sich die Öko-Forscherin, die in der Zwischenzeit zum renommierten „Forschungsinstitut für biologischen Landbau“ (FiBL) gewechselt ist, ihre Ergebnisse mit neuen Wissenschaftsmethoden zu untermauern. Etwa mithilfe der Biophotonenuntersuchung, wo die Lichtabstrahlung der Pflanzenzellen gemessen wird.

Das Prinzip Leben einführen

Denn je gestresster ein Organismus ist, umso mehr Lichtenergie strahlt er ab – auch hier gibt es zwischen Bio und Nichtbio einen deutlichen Unterschied. Velimirov: „Gestresste Lebewesen strahlen mehr, als solche, die eine lebensfreundliche Umgebung vorfinden.“ Eine weitere innovative Methodik sind Zerfallsuntersuchungen: Man reibt einen Bioapfel und einen konventionellen, und beobachtet, welcher schneller zerfällt, und welche Schimmelarten aufwachsen. Auch das erlaubt einen Rückschluss auf die Qualität des Ursprungsproduktes. Heute stoßen die anfangs belächelten Studien von Alberta Velimirov auf immer größeres Interesse: Sie erhält unzählige Einladungen für Vorträge und Tagungen und ist u.a. als Trainerin bei der Ausbildung zum Ernährungscoach am Wiener Wifi tätig. Ihren Erfolg führt sie auch auf ihr Frausein zurück: „Als Frau fällt es einem wahrscheinlich leichter, die Gültigkeit von globalen Wissenschaftsmethoden zu erkennen. Was sie derzeit hingegen am meisten stört, sei die Förderungspolitik: „Ich spür die Widerstände, wenn ich wieder einmal einen Projektantrag nicht bewilligt bekommen habe.“ Derzeit gingen die Forschungsgelder fast ausschließlich in die konventionelle Landwirtschaft (neue Pestizide etc.) und in die Gentechnik. Und das, obwohl vom Konsumenten naturbelassene Lebensmittel gewünscht würden. „Die Förderpolitik wird ja aus Steuermitteln finanziert, der eingeschlagene Weg ist schlichtweg undemokratisch. Nachhaltigkeitsforschung sollte endlich in der Landwirtschaft anerkannt werden.“

„Ich schließe eine Lücke, denn es ist sonst kaum jemand da, der das gesamte biologische Nahrungssystem auf zeitgemäßer wissenschaftlicher Basis darstellt und untersucht.“

Interview und Portrait: Teresa Arrieta