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Veronika Seebauer

  • Ausbildung: Studium der Technischen Chemie an der Technischen Universität Graz
  • Position: Leiterin der Betriebstechnologie bei der DSM Pharma Chemicals Linz
  • Branche: Chemische Industrie

Sich immer wieder in kaltes Wasser hineintrauen – man schwimmt dann schon

Als Chemieingenieurin ist es Veronika Seebauer gewohnt, in Szenarien zu denken und sich zu überlegen, was zu tun ist, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert. Als sie erfuhr, dass sie schwanger war, ist sie genau so systematisch heran gegangen. Gemeinsam mit ihrem Partner, der ebenfalls bei der DSM Pharma Chemicals in Linz beschäftigt ist, hat sie einen Projektplan erarbeitet, in dem sie die Betreuung der Kinder und die Einteilung der Arbeitszeiten präsentierte. „Anfangs war die Nachricht von meiner Schwangerschaft für manche schon ein Schock." Aber einer ihrer Chefs hatte ein paar Jahre in Skandinavien gelebt und wusste daher, dass das funktionieren kann, erzählt sie.

Das Modell hat sich bewährt. Beide Partner reduzierten ihre Arbeitszeit auf 34,5 Stunden. Durch viel Glück ergatterten sie Plätze in der Krabbelstube, sodass sie bei beiden Kindern jeweils nur fünf Monate aus dem Job weg war. „Es haben uns nur wenige zugetraut, dass wir das managen und dass es funktioniert. Jetzt sind sie überzeugt." Wobei es natürlich viele kritische Reaktionen gegeben habe, weil sie ihre Kinder gleich in die Krabbelstube gegeben haben, erzählt sie und lacht dabei. „Da muss man irgendwann auf Durchzug schalten." Das Modell sei allerdings nicht leicht umzusetzen, weil einige Rahmenbedingungen einfach passen müssen, wie die Verfügbarkeit eines Kinderbetreuungsplatzes. Deshalb haben sie sich auch bewusst für eine Wohnung in der Stadt entschieden, weil es hier mehr Möglichkeiten gibt. Ihr Modell mache mittlerweile Schule, erzählt sie und fügt hinzu. „Es funktioniert nur dort gut, wo beide Elternteile die Verantwortung übernehmen." Dass ihr Partner in derselben Firma beschäftigt ist, habe sich als zusätzlicher Vorteil erwiesen. Beiden war wichtig, dass sie nicht in der gleichen Abteilung arbeiten. Natürlich spiele die Firma dann auch in den Privatgesprächen eine Rolle, da können sie für einander auch ein bisschen die Coachingrolle übernehmen. „Man kennt die handelnden Personen, ist trotzdem außenstehend und kann Tipps geben."

Seit 1998 ist Veronika Seebauer in dem ehemals verstaatlichen Chemieunternehmen, das nun zu einem holländischen Konzern gehört, tätig. Das Unternehmen entwickelt Verfahren für die Erzeugung pharmazeutischer Wirkstoffe, das Medikament stellen die Pharmafirmen dann meist selbst her. Begonnen hat sie zunächst als Technologin, wo sie Verfahren entwickelt hat, um die Mehrzweckanlagen für die Herstellung verschiedener Produkte zu adaptieren und diese Verfahren anschließend in der Produktion betreut hat. Später übernahm sie als Produktionsassistentin zusätzlich die Funktion als stellvertretende Betriebsleiterin. Als das Unternehmen in zwei Geschäftszweige geteilt wurde, wechselte der bisherige Technologie-Leiter zum Bereich Agrochemikalien und sie übernahm die Leitung der Technologieabteilung im Pharmabereich. Sich in die Rolle einzuleben habe allerdings ein halbes Jahr gedauert, erzählt sie. Am Anfang habe sie sich „ein bisschen überfordert gefühlt". Ein Führungskräfteseminar, bei dem sie herausgefunden hat, was ihre Stärken und Schwächen sind, habe ihr sehr geholfen, um die Rolle ganz einnehmen zu können. Seither führt sie ein Team mit 12 MitarbeiterInnen und kümmert sich unter anderem um die Entwicklung von sicheren und wirtschaftlichen Verfahren zur Herstellung von chemischen Produkten im Großmaßstab.

Familiäre Liebe zur Naturwissenschaft

Wenn sie über die Abläufe bei der Produktion eines Medikamentenwirkstoffs oder über ihr Dissertationsthema Pyrolyse, also Verbrennung bei Luftausschluss, spricht, wird ihre Begeisterung für Technik spürbar. Die Berufswahl ist ihr leicht gefallen. Chemie sei ein Lieblingsfach in der Schule gewesen, auch wenn sie zunächst ein neusprachliches Gymnasium besucht habe, weil der Vater Wert darauf gelegt habe, dass sie früh Sprachen lernt. Die ganze Familie hat sich beruflich dem naturwissenschaftlich-technischen Bereich verschrieben: Die Mutter hat Chemie studiert, der Vater ist Techniker, die vier Geschwister haben sich für Maschinenbau, Elektrotechnik, Pharmazie und Psychologie entschieden. Sie selbst hat an der TU Graz Technische Chemie studiert und den wenig absolvierten Chemieingenieurzweig gewählt, eine Mischung aus Chemie und Verfahrenstechnik. „Dabei geht es darum, wie man ein Verfahren, das im Labor entwickelt wurde, im Großen umsetzen kann, so dass eine industrielle Fertigung möglich wird."

 

Im ersten Studienabschnitt waren noch ein Drittel Frauen, erzählt sie, die haben sich später meist auf Biochemie oder Chemie spezialisiert. „Anfangs musste ich mich schon daran gewöhnen, mit lauter Männern zu studieren und mit unterschwelligen Bemerkungen umzugehen", erzählt sie. Über so manche Äußerungen habe sich schon sehr geärgert, wie etwa über einen Vortragenden, der ihr eine Visko-Kupplung erklärte, indem er Lebkuchenteig als Vergleich heranzog. Das hätte er den männlichen Kollegen gegenüber nicht getan, ist sie überzeugt. Auf der Uni habe sie gelernt, „blöde Kommentare" zurück zu geben oder auf Durchzug zu schalten. „Man muss etwas sagen, damit man nicht untergeht." Ein Vorteil sei jedoch, dass man als Frau mehr auffällt und bekannter ist. Skepsis, weil sie eine Frau ist, habe sie im Berufsalltag auch erlebt, insbesondere in Anfangsphasen. Ein Schichtmeister habe sie ein halbes Jahr lang regelrecht geprüft, danach haben sie sich bestens verstanden. „Die Vorbehalte lösen sich, wenn man dann zeigt, was man kann." Mit den Arbeitern habe sie nie ein Problem gehabt, eher auf gleicher Ebene, weil hier die Konkurrenzsituation dazu käme. Der Einfluss des holländischen Konzerns sei schon zu spüren, sagt sie. „In Zeiten der Verstaatlichten Industrie wäre eine Frau als Leiterin der Technologie noch nicht möglich gewesen." Es gibt einige Frauen in wichtigen Positionen und bei der Zusammensetzung der Teams setzt ihr Chef auf eine gute Mischung von Männern und Frauen, jungen und älteren MitarbeiterInnen.

Vorzug für industrielle Vielseitigkeit

Vor ihrer Arbeit bei der DSM war sie vier Jahre Assistentin am Universitätsinstitut für Apparatebau, Mechanische Verfahrenstechnik und Feuerungstechnik. Die wissenschaftliche Karriere hat sie jedoch nach der Promotion hinter sich gelassen, weil sie „lieber ein breiteres Wissen als ein sehr intensives, aber dafür enges Fachwissen haben wollte." Neben der Vielseitigkeit schätze sie an der Arbeit in der Industrie, dass kostenorientiert gedacht wird und die Ergebnisse tatsächlich gebraucht werden. „Auf der Uni hatte ich nicht das Gefühl, dass es wirklich jemanden interessiert." Einzelkämpfertum wie auf der Uni gebe es in der Industrie nicht, sagt sie, die Arbeit funktioniere nur im Team. Bei ihren MitarbeiterInnen schaut sie, dass „dass jeder eine Aufgabe kriegt, die zu ihm passt und dass sie sich rechtzeitig melden, wenn sie etwas nicht schaffen, damit man noch gegensteuern könne." Wenn die Produktionsplan eingehalten und die Leute gerne zur Arbeit gehen, dann sei sie zufrieden.

Von Unkenrufen habe sie sich in ihrem Weg nie abbringen lassen und sei Aufgaben mit Organisation und klarer Planung angegangen. „Man muss sich immer wieder ins kalte Wasser hineintrauen, man schwimmt dann schon." Nicht von ungefähr zählt deshalb das Schwimmen zu ihren Lieblingssportarten. Den Wassersport hat sie als Kind sogar wettkampfmäßig in einem Schwimmverein betrieben. Momentan helfe ihr vor allem das „Kinderprogramm" dabei, sich zu entspannen. „Durch die Kinder ist die Firma schnell weg aus den Gedanken."

„Es ist wichtig, sich den Job zu suchen, den man haben will und sich nicht von wohlgemeinten Ratschlägen abbringen zu lassen."

Interview und Portait: Anita Zieher