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Barbara Hollerer

  • Ausbildung: Studium der Architektur an der technischen Universität Graz
  • Seit 2000 selbstständig mit dem „Architekturbüro Hollerer“
  • Branche: Bauwesen


„Am Bau ist ein gutes Klima des Vertrauens wichtig.“

Mikrokosmos Baustelle

Die Architektin Barbara Hollerer ist ein logistisches Ausnahmetalent, dirigiert Baustellen und weiß um die speziellen Antennen von Frauen im Bauwesen.

 

Die Feinheit im Groben, das begeistert Barbara Hollerer: Wenn etwa ein riesenhafter Kran punktgenau eine tonnenschwere Fassade versetzt, „das wird mich immer faszinieren, wie viel Präzision in einer so riesigen Maschine steckt“, so die Architektin. Barbara Hollerer ist eine, die gerne zupackt und koordiniert. Souverän bewegt sie sich auf Baustellen, wo sie oft als einzige Frau werkende Männerhorden leitet. „Man lernt, sich durchzusetzen“, sagt sie nach fünfzehnjähriger Berufserfahrung. „Anfangs stelle ich immer eindeutig fest, wer das Sagen hat.“ Sie hat sich jenes unmissverständliche Auftreten angeeignet, das notwendig ist, um ernst genommen zu werden. Solche Selbstsicherheit bedarf profunder handwerklicher Fachkenntnisse: Wann sind die Hausanschlüsse herzustellen, wie sind die Fugen auszubilden, wo muss der Fassadenbauteil abgedichtet werden. Es gilt, ein komplexes Netz ineinander verwobener Tätigkeiten zu spinnen, eine klare Sprache zu entwickeln, die gehört wird. Es gilt, relevante Informationen aus den Gesprächen mit Fachmännern herauszufiltern, jenen Moment zu erkennen, wo gesagt werden darf: „Ich weiß net, wie des funktioniert, machen´s ma an Vorschlag.“  Und trotzdem sein Gesicht dabei zu wahren. Denn „man büßt die Autorität eher ein, wenn man behauptet, alles zu können“, weiß Barbara Hollerer. Baustellen zu leiten, das ist ein ständiger Balanceakt zwischen Bestimmen und Kooperieren, die unsichtbaren Fäden laufen jedoch stets bei der Architektin zusammen. „Ich muss kommunikativ sein und Antennen dafür haben, dass manche Probleme vor Ort außerhalb meines Einflussbereiches liegen.“ Am Bau herrschen viele unausgesprochene Regeln, ein eigener Mikrokosmos mit seinen Krisen, aber auch Momente des gemeinsamen Triumphes. „Diese Spannung, wenn langsam ein Gebäude entsteht, das hat so eine Faszination, dass man darüber die Ängste vor dem Job vergisst.“

Aufgaben an sich reißen

Die in Kapfenberg Aufgewachsene hat in Graz an der Technischen Universität Architektur studiert. Schon während des Studiums arbeitete sie intensiv in Architekturbüros mit. Nach ihrem Abschluss assistierte sie bei der Ausführungsplanung eines Krankenhauses, wo sie am Baustellengeschehen vom ersten Spatenstich an mit dabei war. „Dort hab ich die Umsetzung hautnah miterlebt. Ich hab nicht einsam vor mich hingeplant, sondern war mit Nutzern, Financiers und Fristen konfrontiert, da geht es ans Eingemachte.“ Damals hat Barbara Hollerer ihr Organisationstalent erkannt: „Ich reiße gerne Dinge an mich und gebe nichts mehr ab.“ Bei ihrem nächsten Arbeitgeber übernahm die Ehrgeizige dann örtliche Bauaufsichten. Ein ungewöhnlicher Weg für eine Architektin. „Die meisten BerufskollegInnen bleiben in ihrer Planungsecke stecken. Ich hingegen wildere in einem Bereich, der normalerweise von Technikern abgedeckt wird.“ Doch am Bau sollte es viel mehr ArchitektInnen geben, befindet Hollerer. Denn als gelernte Planerin verstehe man die Sprache der Entwürfe am besten: „Ich kann aus Plänen ablesen, was jemand mit einem bestimmten Detail ausdrücken möchte.“ Für einen Baumeister sei das nicht so selbstverständlich, beim architektonischen Entwerfen hingegen wird das Denken auf das fertige Bild eines Gebäudes geschult, auf die Stimmung, auf die räumliche Wirkung.

Mehr Frauen am Bau

Im Jahr 2000 machte sich die Architektin mit dem „Architekturbüro Hollerer“ in Graz selbstständig. Ihr Schwerpunkt ist weiterhin Bauleitung und Baustellenlogistik, sie ist spezialisiert auf den Umbau von Krankenanstalten und medizinischen Einrichtungen, sowie auf Sanierungen bei laufendem Betrieb. Die Vorbereitung für die Aussiedlung eines Gebäudetraktes wird mit einem Jahr Vorlauf angesetzt, um fließende Übergänge zu gewährleisten. Neben öffentlichen Aufträgen übernimmt die Unternehmerin mit ihren insgesamt drei Angestellten auch Planungen und Ausschreibungen für private Haus-, Wohnungs- und Geschäftsumbauten. Als eine der wenigen Frauen unter lauter Bauingenieuren, Handwerkern und Architekten hatte Barbara Hollerer sich nie benachteiligt gefühlt. „Vielleicht hab ich diesbezügliche Wahrnehmungen negiert.“ Immerhin engagiert sie sich seit einem Jahr innerhalb der Architektenkammer im Ausschuss der Ziviltechnikerinnen, denn klar ist, dass es zu wenige selbstständige Architektinnen gibt. „Die Studienabsolventinnen verschwinden in den Büros oder zu Hause“. Derzeit findet eine Berufsrechtsreform statt, wo das ZiviltechnikerInnen-Gesetz auch auf Ungleichbehandlungen von Frauen hin durchforstet wird: „Wir sind darauf gekommen, dass Frauen, wenn sie nur halbtags arbeiten, ihre Praxiszeiten für die Ziviltechniker-Prüfung nicht zusammenbringen“, schildert Hollerer erste Resultate, auch die Karenzregelungen seien unbefriedigend. Insgesamt bedauert sie, dass es zu wenige weibliche Vorbilder im Bereich des Bau- und Planungswesens gibt. Ein Grund mehr für Hollerer, sich nun selbst als Role-Model zu engagieren. Vor einem Jahr hat sie gemeinsam mit Kolleginnen über ihre Kammer einen Folder mit einer Liste aller Ziviltechnikerinnen in der Steiermark und in Kärnten konzipiert und an sämtliche Gemeinden verschickt. „Wir haben achtzig Frauen, die in verschiedensten bautechnischen Gebieten arbeiten“, wollten sie als Interessensvertretung damit deutlich machen. In Zukunft will ihr Ausschuss u. a. verstärkt mit den technischen Universitäten zusammenarbeiten, damit die Studentinnen die Perspektive Selbstständigkeit im Kopf behalten. „Um jenen, die sagen, es gibt  keine Frauen, die wir beauftragen können, den Wind aus den Segeln zu nehmen!“

„Mehr technische Unternehmerinnen täten der gesamten Branche gut!“

Interview und Portrait: Teresa Arrieta, Bente Knoll und Elke Szalai