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Susanne Draxler

  • Ausbildung: Studium der "Technischen Chemie" an der Technischen Universität Wien
  • 2004 Gründerin von ChemData Forschungsgesellschaft Technische Chemie und Informationstechnik GmbH
  • Branche: außeruniversitäre Forschung, Technische Chemie

 
„Es ist mein Geschäft, eine Tatsache so zu verpacken, dass ein Politiker sagt: Hier können wir ansetzen.“

Vergiftete Atemluft, vertraulich

Die Chemie-Ingenieurin analysiert Luftschadstoffe und erforscht Feinstaub- und Ozonverursacher. Ihr brisantes Wissen gehört aber ihren AuftraggeberInnen.

 

Susanne Draxler beißt sich oft auf die Zunge, doch das ist Teil ihres Jobs. Vieles von dem, was sie über unsere Luftqualität weiß, ist vorerst nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Und das, was PolitikerInnen über Feinstaub und Ozon verbreiten, entspricht nur teilweise den Fakten. Draxler weiß das, denn sie tätigt jene Studien und Analysen zur Luftqualität, die Behörden und PolitikerInnen als Entscheidungsgrundlage vorgelegt werden. „Was diese daraus machen, dafür bin ich dann nicht mehr verantwortlich“. Im Zuge ihrer Arbeit hat sie gelernt, dass politisches Handeln nur bedingt auf harten wissenschaftlichen Daten beruhen kann. Es muss auch sozial verträglich sein  -  dafür hat die Luft-Expertin Verständnis: Denn wie soll man, sinniert Draxler, auf soziale Weise der Luftreinheit gerecht werden, wenn es etwa um den Pendlerverkehr geht? Ein brenzliges Thema: Klar, dass diese finanziell geförderten VielfahrerInnen die Luft belasten, dass sie das bodennahe Ozon und den Feinstaub vermehren. Doch ebenso klar ist, dass in manchen Gebieten ein massives Arbeitsplatz-Problem existiert. Soll nun den ArbeitnehmerInnen im Interesse unserer Atemluft das Pendeln erschwert werden? „Luftqualität verbessern, heißt nicht unbedingt, den Verkehr zu reduzieren“, hat Susanne Draxler erkannt. „Es kann auch heißen, mehr Arbeitsplätze in strukturschwachen Regionen zu schaffen.“ Das Spannungsfeld, dem Susanne Draxler in ihrem beruflichen Alltag ausgesetzt ist, erträgt sie mittlerweile mit Gelassenheit. „Häufig überrascht es mich, wie maßnahmengerecht politisches Handeln trotz allem ist“, sagt sie.

Rasterfahndung für Luftverpester

Gemeinsam mit ihrem Mann hat Susanne Draxler im Jahre 2004 das Unternehmen „Chemdata“ gegründet, und sie leitet das „Technische Büro für Technische Chemie“. Mit diesen Firmen analysiert sie jedoch nicht nur unser tägliches Luftdesaster, sondern sie entwickelt auch Gegenmaßnahmen:  Eine wahre Luftverbesserungs-Pionierin ist die selbstständige Ingenieurin. Unlängst hat sich ihr Büro beispielsweise der noch nie gestellten Frage gewidmet, wie viel Methan aus Erdgasleitungen entweicht. „Was emittiert jedes Haushaltsgerät in Österreich? Das ist eine Zahl, die hab ich noch nirgends gefunden, wir erarbeiten sie zum ersten Mal“,  sagt sie stolz. In solchen Fällen entwickelt das Unternehmen innovative Berechnungsmethoden und Lösungsansätze, für die es kaum Vorbilder gibt. Ebenso hat ihr Büro Emissionskataster für einzelne Bundesländer entworfen: Welches Spektrum an Luftschadstoffen stößt jede Gemeinde aus und wie könnte man diese verringern? Da die zitierte „soziale Verträglichkeit“ als politische Berechnungsgröße hinzukommt, muss Draxler zwar damit rechnen, dass von ihr vorgeschlagene Lösungsansätze in der Schublade verschwinden. Doch das verdrießt sie nicht, denn: „Einiges wird ja doch umgesetzt. Außerdem erwerbe ich mit jedem Projekt neues Wissen, das dann in das nächste Projekt einfließt.“ Auch einen Maßnahmenkatalog zur Erreichung der Kyoto-Ziele hat Susanne Draxler im Auftrag der Behörde gemeinsam mit einem privaten Forschungsinstitut erstellt, wiederum eine außergewöhnliche wissenschaftliche Leistung. Als größten Luftverschmutzer hat sie dabei den Individualverkehr und die privaten Haushalte identifiziert. Doch auch natürlichen Bösewichten ist sie auf die Schliche gekommen: Beispielweise Österreichs idyllische Nadelwälder - in Wahrheit schlichtweg oft Monokulturen, die unsere Atemluft mit Terpenen belasten. „Wenn dort auch noch eine Autobahn gebaut wird, kommen Stickoxide hinzu: Mit dem Sonnenlicht ergibt beides Ozon“, seufzt die Chemikerin.

Sauerteigrezepturen im Chemiestudium

Seit sieben Jahren ist sie nun schon selbstständig, gemeinsam mit ihrem Mann. Beide haben an der Universität Wien „Technische Chemie“ studiert und sich dort auch kennen gelernt. Das Studium sei „außerordentlich herausfordernd gewesen“, die weiblichen Mitstudierenden verflüchtigten sich im Laufe der Semester: „Viele Kolleginnen haben das Handtuch geworfen, wir hatten nur fünf Prozent Absolventinnen.“ Das habe vor allem an den miserablen Ressourcen gelegen: Zu wenig Laborplätze, zu kleine Hörsäle. „Ich hab trotzdem durchgehalten, weil ich von zu Hause aus gewöhnt bin, nicht aufzugeben.“ Dabei kam ihr auch die „technische Erziehung“ seitens ihrer Eltern zugute: Susanne Draxler wuchs in einem großen Haus im ländlichen Niederösterreich auf. Ganz selbstverständlich sei sie in den Reparaturalltag  hineingewachsen: Ihr Vater brachte ihr bei, als junges Mädel an der Drehbank zu sitzen, die Bohrmaschine anzupacken und Räume auszumalen.  Als sich in der Schulzeit ihre  naturwissenschaftliche Begabung herauskristallisierte, entschloss sie sich ohne zu zögern zum Chemiestudium in Wien, wo sie bald Alltagsbezüge bis in die Küche herstellte: Mit ihrem Professor diskutierte sie nicht nur Prüfungsfragen, sondern er flüsterte ihr auch die biochemische Formel für den perfekten Sauerteig zum Brotbacken zu, „denn ich wollte den Sauerteig selbst zu Hause ansetzen, aber er ist mir zuvor jedes Mal schimmelig geworden.“

Homeoffice für Nachtschichten

Mit dem Studium wurden sie und ihr Mann zeitgleich fertig, danach meldeten sie beide mehrere Gewerbescheine an und gründeten dazugehörige Kleinunternehmen: „Mittlerweile bringen wir es auf sechs Gewerbescheine und drei Firmen.“ Der Schwerpunkt ihres Mannes liegt im EDV-Bereich, sie hingegen ist auch geistes- und marktwissenschaftlich orientiert – das kommt zum Tragen, wenn ihre Firma Fragebögen erstellt und Meinungsforschung betreibt. Auf chemischem Gebiet wird dann zusammengearbeitet. Als Mutter von drei Kindern genießt sie heute ihre Selbstständigkeit. Ihr Büro befindet sich in der eigenen Wohnung, das „Switchen zwischen Beruf- und Privatleben, das durch einen Raumwechsel passieren kann“ sei sehr angenehm, wenn es auch viel Disziplin verlangt. Hier kann sie auf die Hilfe ihres Mannes zählen, denn nicht nur auf der beruflichen, sondern auch auf der privaten Ebene arbeiten die beiden erfolgreich zusammen: „Er macht als Vater ganz selbstverständlich mit, hilft im Haushalt und betreut die Kinder. Das hält mir den Rücken frei.“ Als Unternehmerin werde man zum Multitalent: Man müsse die PartnerInnensuche perfektionieren (der(die passende SteuerberaterIn, der/die passende NotarIn, der/die passende GeschäftspartnerIn), sich gut präsentieren (bei der Aquisa), auf Leute zugehen (bei Tagungen). Als selbstständige Frau hat sich Draxler immer geschätzt gefühlt: „Ich wurde beruflich nie anders wahrgenommen als ein Mann. Ich denke, ich komme sogar besonders gut an, weil ich sehr kommunikativ bin.“

„Ich habe nur positive Erfahrungen als selbstständige Ingenieurin gemacht, ich muss mich nicht an Amtsstunden halten."

Interview und Portrait: Teresa Arrieta, Bente Knoll und Elke Szalai