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Sabine Grupe

  • Ausbildung: Studium der Petrologie, Universität Wien
  • Position: Leiterin eines Technischen Büros für Geologie in Wien
  • Wissenschaftsdisziplin: Geologie


„Ich möchte Wissenschaft und Kunst verbinden“

Ein Menschenleben ist ein Augenklick der Zeit

Die Geologin Sabine Grupe ist auf den Untergrund von Wien spezialisiert und hat ein lichtästhetisches Verfahren an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Kunst erfunden.

 

„Im Grunde ist immer Geologie“, steht neben Sabine Grupes Email-Signatur: Ein Liebesbekenntnis für ihr Fach, denn die ausgebildete Petrologin begeistert sich dafür, zu wissen, auf welchen Gesteinen Wien steht. Wo und in welcher Tiefe befinden sich miozäne Schluffe und Tone, pleistozäne Kiese und Sande, rezente Sedimente? Wo gibt es tektonische Störungen? Wie hoch liegt der Grundwasserstand? "Wenn ich über den Stephansplatz gehe, weiß ich, wie es unter mir aussieht“, so die Gesteinsexpertin über ihre Leidenschaft fürs Unterirdische. „Der Untergrund ist immer präsent in meinem Bewusstsein.“ Im Rahmen ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit in einem Ingenieurbüro hat sie sich auf den geologischen Aufbau der Stadt spezialisiert. Dieses Wissen dient als Planungsgrundlage für eine unter der Erde liegende, vielfältige Welt: Leitungen und Schächte für Wasser, Abwasser, Strom, Information und Transport. Kein alltäglicher Beruf und keine alltäglich Leidenschaft, die Sabine Grupe da beschreibt, aber sie ist auch keine Frau, der man alle Tage begegnet: Eleganz mit einem Hauch Exzentrik, Herzlichkeit und einer besonderen Formulierungsgabe: Schonungslos, analytisch und poetisch - eine Gedankenwelt, die in die Tiefe geht, die kilometerdicke Gesteinsschichten und unendlich langsame Zeitabläufe durchdringt.

Der Zauber der Steine

Die Sedimente im Untergrund von Wien sind an die fünf Millionen Jahre alt, erklärt die Geologin. Immer noch ein Säuglingsalter angesichts der kanadischen Fundamente, die mit methusalemschen Dimensionen von bis zu vier Milliarden Jahren aufwarten können, fügt sie hinzu. Angesichts solcher Dimensionen hat sich ihr Zeitempfinden radikal verändert: „Ein Menschenleben ist nur ein Augenklick der Zeit.“ Dem Zauber der Steine war Grupe bereits als Kind erlegen, wo sie Kiesel sammelte, um sie zu berühren und deren Strukturen zu bestaunen. Begonnen hat die gebürtige Deutsche ihre berufliche Laufbahn in Bochum, wo sie sich zur geowissenschaftlichen Präparatorin ausbilden ließ und Edelsteine bestimmen lernte. 1982/83 ging sie nach Sri Lanka, um dort für einen Mineralogen Edelsteine zu kaufen und Expertisen zu erstellen. Doch schon damals hatte sie wenig Beziehung zum Glitzernden und Vordergründigen – sie fühlte sich mehr zu den grauen Steinen hingezogen, denn diese seien „ein Archiv, aus dem man lesen kann.“ Die buddhistische Kultur von Sri Lanka beeindruckte sie zutiefst, doch als 1983 der Bürgerkrieg ausbrach, begab sie sich auf der Suche nach einem „sicheren Land“ nach Österreich. Denn hier gibt es noch „Zeit für Höflichkeit“ wie Grupe fand, außerdem funktioniere die Infrastruktur. Der Hochwasserschutz sei beispielsweise auf ein 10.000jähriges Hochwasser (Ein Hochwasser, wie es im Durchschnitt nur alle 10.000 Jahre vorkommt) dimensioniert, meint die Untergrundexpertin. Noch im selben Jahr inskribierte sie Petrologie an der Universität Wien, ein Außenseiterfach, wo eine Handvoll Studierender von mehreren ProfessorInnen in familiärer Atmosphäre betreut wird. Sabine Grupe hatte besonderen Spaß an den Gesteinsdünnschliffen, in die sie sich mithilfe der Polarisations-Mikroskopie vertiefte.

Lichtästhetische Erfindung

Im Rahmen dieser Arbeit entstand auch ihr Patent: Sie ersetzte die Gesteinsdünnschliffe durch doppelbrechende, verschiedenartig bearbeitete Folien und übertrug sie mittels eines adaptierten Diaprojektors als Lichtinstallation an die Wand. Die KollegInnen waren begeistert von den so entstehenden psychedelischen Mustern und Farbstrukturen und ermutigten Grupe zur Patentierung dieses innovativen, lichtästhetischen Verfahrens. 1990 erhielt sie am österreichischen Patentamt den Zuschlag für „Optische Eigenschaften anisotroper Materialien als Mittel zur bildnerischen Gestaltung“, einsetzbar für „Foto- und Bühnenbildtechnik, als Lichtinstallation, bei Produktwerbung, Video und Film“. Die solchermaßen entstandene Schnittstelle zwischen Kunst und Wissenschaft verfolgte Sabine Grupe auch weiterhin: Nachdem sie später eine technische Berufslaufbahn in einem Ingenieurbüro eingeschlagen hatte, beteiligte sie sich immer wieder an künstlerischen Projekten wie Hörspielen oder Kunstinstallationen. Ihr Patent verschwand jedoch für die kommenden fünfzehn Jahre in der Schublade, denn die Gesteinsexpertin begeisterte sich anfangs wenig für die quietschigen Farben und psychedelischen Muster ihrer Erfindung. Sie änderte ihre Meinung im Jahre 2006, als eine Ausstellung in der Wiener Kunsthalle zur psychedelischen Kunst und Kultur der Siebziger ihre Lust an rauschartigen Farbstrukturen neu erweckte. Prompt brachte Sabine Grupe ihre Erfindung, deren Patent zwischenzeitlich ausgelaufen war, im Rahmen einer Kunstausstellung zum Einsatz, wo sie ihre polarisationsoptischen Muster auf das Objekt eines bildenden Künstlers projizierte.

Widerständen mit Heiterkeit begegnen

Über ihre Erfahrungen abseits der Kunst, im beruflichen Kontext, in Zusammenarbeit mit TechnikerInnen möchte sie nur soviel sagen „Ich bin keine nett Lächelnde, ich spiele niemandem den Bewunderungszwerg, sondern denke quer und sage meine Meinung klar und offen.“ Eine Haltung, die ihr nicht immer gut bekommt, denn gerade unter Technikern sei eine „schwache, irritierte Männlichkeit“ verbreitet. Für diese stellen erfolgreiche Frauen eine Gefahr dar, wie Sabine Grupe mitunter erlebt hat: „Frausein ist ein großes Karrierehindernis, denn Frauen sind die Störung der männlichen Übereinkunft.“ Strukturelle Gewalt an Frauen sei heute nach wie vor gesellschaftlich akzeptiert, so das Fazit der Gesteinsexpertin. Trotzdem ist ihr Freude im Job wichtig: Ihr primäres Motto in schwierigen Zeiten: „Immer heiter bleiben und nicht zitronengesichtig werden.“ Sie vermag auch negative Erfahrungen als Bereicherung zu sehen, denn daraus sei viel zu lernen: Etwa, wie wichtig „faire und transparente Kommunikation ist und wie man Menschen motivieren kann, anstatt Druck auf sie auszuüben.“

 

„Frauen sind geradlinig, sie hinterfragen und setzen auf Kompetenz. Sie sind gute Netzwerkerinnen.“

 

Interview und Portrait: Teresa Arrieta